Hinsehen statt wegschauen: Sucht im Alter
11.04.2026 AadorfEin Vortrag in Aadorf zum Thema «Sucht im Alter» zeigte: Sucht kann auch im höheren Lebensalter ein ernstzunehmendes und oft verborgenes Problem sein. Referent André de Santos von der Perspektive Thurgau riet, genau hinzuschauen, die Menschen miteinzubeziehen, aber nicht zu ...
Ein Vortrag in Aadorf zum Thema «Sucht im Alter» zeigte: Sucht kann auch im höheren Lebensalter ein ernstzunehmendes und oft verborgenes Problem sein. Referent André de Santos von der Perspektive Thurgau riet, genau hinzuschauen, die Menschen miteinzubeziehen, aber nicht zu bedrängen.
Sucht im Alter sei ein Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinne und über das viel geschrieben werde, in der öffentlichen Wahrnehmung aber noch häufig unterschätzt werde. Auch sie selbst erfahre nicht viel Konkretes, sagte die Aadorfer Gemeinderätin Monika Roost-Brunner, Ressort Gesellschaft und Gesundheit, einleitend. Rund 30 Interessierte konnte sie am Abend des 31. März im Kultur- und Gemeindezentrum zum Vortrag «Sucht im Alter erkennen – Menschen stärken» begrüssen. Organisiert wurde der Anlass von der Kommission Gesellschaft und Gesundheit. Als Referent sprach André dos Santos, Suchtberater bei der Perspektive Thurgau. Anwesend für spätere Fragen war auch Lea Straub, Bereichsleiterin Suchtberatung.
Zusammenspiel verschiedener Faktoren
Zu Beginn machte dos Santos deutlich, dass Sucht weit über klassische Substanzen hinausgeht. Neben Alkohol, Tabak oder Medikamenten würden auch nicht stoffgebundene Süchte wie Glücksspiel oder exzessive Mediennutzung an Bedeutung gewinnen. «Sucht beginnt oft damit, dass es sich gut anfühlt, der Konsum gibt einem etwas», erklärte der Suchtberater. Gerade deshalb würden Risiken zu Beginn häufig unterschätzt. Dazu zeigte er einen kurzen Zeichentrickfilm, der den Prozess, wie man vom Genusskonsum in eine Sucht hineinrutschen kann, veranschaulicht.
Persönliche Voraussetzungen, das soziale Umfeld und die Verfügbarkeit von Suchtmitteln wirkten bei der Entstehung einer Abhängigkeit zusammen, erklärte dos Santos anhand des Suchtdreiecks. Im Online-Zeitalter seien auch illegale Substanzen leicht verfügbar. Dazu erzählte er ein Beispiel von einem breit vernetzten Dealer, der auf Bestellung innert kurzer Zeit auch ins Ausland liefern konnte. «Man muss dafür nicht mehr an dunkle Orte gehen.»
Biografische Erfahrungen, familiäre Vorbelastungen oder belastende Lebenssituationen könnten das Risiko zusätzlich erhöhen. Zudem spielten gesellschaftliche Normen eine Rolle: «Das Trinken von Alkohol ist bei uns normal, gehört zum gesellschaftlichen Leben dazu, gleichzeitig soll aber niemand ein Problem haben», sagte er. Aber auch Kokain sei gesellschaftlich akzeptiert, solange man den Konsum verberge. «Die Leistungssteigerung wird sogar oft begrüsst. Dies im Gegensatz zum Bild, das wir von Heroinabhängigen aus der Zeit von Platzspitz und Letten im Gedächtnis haben.»
Konsum im Alter nimmt zu
Während der Alkoholkonsum insgesamt gemäss Statistiken leicht rückläufig ist, zeigt sich im höheren Lebensalter ein gegenläufiger Trend: Der Anteil der Menschen, die täglich Alkohol trinken, steigt. In der Schweiz konsumiere rund ein Viertel der Personen im Rentenalter täglich Alkohol.
Neben Alkohol stellen auch Medikamente ein erhebliches Risiko dar. Vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel können abhängig machen. «Das Problem ist oft unsichtbar, weil der Konsum im Stillen passiert», erklärte dos Santos. Vor allem ältere Frauen könnten die Sucht zudem sehr gut verbergen.
Nebst dem Konsum von Substanzen betrifft gemäss dem Referenten auch nicht stoffgebundene Sucht zunehmend ältere Leute, die zum Beispiel «oft ins Casino gehen».
Besondere Risiken im Alter
Mit zunehmendem Alter verändern sich die Lebensumstände. Pensionierung, Einsamkeit, gesundheitliche Probleme oder Verluste können belastend sein und den Konsum begünstigen. Hobbys können wegfallen, weil man die Fähigkeiten dafür nicht mehr habe und keine neuen finde, man verliere das Interesse und «fühlt sich dann nicht mehr gebraucht». Häufig würde auch Hilfe nicht in Anspruch genommen, zum Beispiel wegen dem Vorurteil: «Da sind dann ja nur alte Leute». Langeweile vertreibe man sich dann gerne mit einem Gläschen Wein und Schlaf am Nachmittag, so dos Santos. Den Konsum von Suchtmitteln bezeichnete er dabei als den «Versuch, negative Gefühle in positive umzuwandeln.»
Gleichzeitig reagiere der Körper empfindlicher. Alkohol werde langsamer abgebaut und wirke daher stärker und länger, informierte der Suchtberater. Als besonders gefährlich bezeichnete er die Kombination von Alkohol und Medikamenten. Damit steige auch das Sturzrisiko, gerade bei älteren Menschen, warnte er. Dass das Thema «Sucht im Alter» immer mehr Menschen betreffe, hänge auch mit der demografischen Entwicklung, das heisst der Tatsache zusammen, dass es immer mehr Leute gebe, die sehr alt werden.
Hinschauen und ansprechen
Fachpersonen unterscheiden zwei typische Formen von Sucht im Alter: Eine früh beginnende Abhängigkeit betrifft gemäss dos Santos häufiger Männer mit langer Konsumgeschichte. Die spät beginnende Form trete häufiger bei Frauen auf und bleibe oft lange unentdeckt.
Auch das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Wer problematischen Konsum vermutet, sollte das offene Gespräch suchen. «Sprechen Sie Ihre Sorgen an, aber machen Sie keine Diagnose und Vorwürfe», riet dos Santos. Als wichtigste Schutzfaktoren nannte er soziale Einbindung, eine sinnvolle Tagesstruktur. «Einfache Gespräche sind oft die beste Prävention».
Gleichzeitig sei es wichtig, bei konkreten Risiken, wie zum Beispiel dem Autofahren unter Medikamenteneinfluss, klare Grenzen zu setzen. Unterstützung biete dabei die Fachstelle Perspektive Thurgau.
Im Anschluss gab es Getränke und etwas Kleines zu essen. Zudem wurden persönliche Fragen beantwortet und der Austausch gepflegt.
BETTINA STICHER


