Henry Camus – «Die dunkle Seite der Musik»
01.10.2026 AadorfMit Henry Camus startete der «GONG» am Freitagabend schwungvoll in die neue Kultursaison. Doch bevor sich der Vorhang öffnete, gehörte der erste Dank den freiwilligen Helferinnen und Helfern des Kleinkunstfestivals «Die Krönung».
Bei einem geselligen ...
Mit Henry Camus startete der «GONG» am Freitagabend schwungvoll in die neue Kultursaison. Doch bevor sich der Vorhang öffnete, gehörte der erste Dank den freiwilligen Helferinnen und Helfern des Kleinkunstfestivals «Die Krönung».
Bei einem geselligen Apéro würdigten Lilo Wellinger und Pascal Mettler mit herzlichen Worten die tatkräftige Unterstützung der engagierten Helferschar. Dann betrat Henry Camus die Bühne und mit ihm ein Künstler, der weder stillsitzen noch ruhig stehen kann. Bewegungsfreudig, musikalisch und mit einer gehörigen Portion Selbstironie nahm der Tausendsassa sein Publikum mit auf eine ebenso verrückte wie faszinierende Reise. Henry möchte gerne ein Genie sein, so eines wie Bach, Prokofjew oder Verdi. Doch grosse Kunst entsteht aus grossem Schmerz. Henry hat in seinem Leben schlicht noch nicht genug gelitten, was also tun? Kurzerhand versucht er, sich das Leiden grosser Künstler anzueignen. Im Zentrum steht Prokofjews berühmte «Sonate Nr. 7.» Henry will sie nicht nur spielen, sondern verstehen, mit Haut und Haaren. Denn in den Gefühlen, die Prokofjew in diesem Werk zum Ausdruck bringt, vermutet er eine Botschaft von existenzieller Bedeutung.
Eine ungewöhnliche Verbindung
Doch wie soll jemand diese Musik wirklich nachempfinden, dessen eigenes Leben kaum unterschiedlicher sein könnte? Prokofjew komponierte die Sonate Nr. 7 unter den bedrückenden Bedingungen des sowjetischen Regimes. Henry hingegen wurde im amerikanischen Traum geboren und lebt heute glücklich in der Schweiz. Nun steht die Frage im Raum, ob man im Leben leiden muss, um grosse Kunst zu erschaffen. Der Protagonist geht dieser Frage auf eigene Weise nach. Er versucht, sich in die Lebenssituationen berühmter Künstler zu versetzen, ihre Schicksale zu ergründen und ihre Leiden am eigenen Leib zu testen. Passen Schmerz und Genialität tatsächlich zusammen? Oder ist das alles nur ein grosser Mythos? Die Antwort liefert er nicht auf dem Silbertablett. Er lädt sein applaudierendes Publikum zu einer rasanten Mischung aus Live-Musik, Theater, Stand-up-Comedy, akrobatischer Zirkuskunst und historischen Anekdoten ein. Mal sitzt er am Klavier, dann erzählt er oder wirbelt über die Bühne und oft passiert alles gleichzeitig. Gerade diese ungewöhnliche Verbindung der Genres machte den Abend im Aadorfer Kleinkunstsaal zu etwas ganz Besonderem. Henry Camus gelingt es auf faszinierende Weise, ein ernstes und durchaus philosophisches Thema mit Leichtigkeit, Witz und beeindruckender Körperlichkeit auf die Bühne zu bringen. Das Aadorfer-Publikum lacht, staunt und wird gleichzeitig dazu angeregt, über die vermeintlich untrennbare Verbindung von Leiden und Kreativität nachzudenken. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man vielleicht nicht leiden muss, um grosse Kunst zu schaffen, aber bereit sein sollte, sich mit Leib und Seele auf diese einzulassen.
Eine herrlich verrückte Reise
Nach dieser äusserst unterhaltsamen Darbietung lud der «GONG» das Publikum zu einem Dessert ein, beim Pascal Mettler bekannt gab, dass das Kleinkunstfestival «Die Krönung» im nächsten Jahr das 20-jährige Jubiläum feiere und deshalb im März 2027 an drei Tagen über die Bühne gehen werde. Anschliessend wurde bei süssen Köstlichkeiten angeregt diskutiert, gefachsimpelt und geplaudert. Ein geselliger Ausklang für einen Abend, der seinem Namen alle Ehre machte. Eine unterhaltsame, überraschende und auch herrlich verrückte Reise auf die «dunkle Seite der Musik».
CHRISTINA AVANZINI

