Halt die Klappe!
28.03.2026«Halt die Klappe!», zischte es über meine Lippen. Mein hämisches Grinsen stoppte abrupt, als ich realisierte, dass es auf der anderen Seite der Leitung ungewöhnlich still geworden ist, länger als mir lieb war. Doch schliesslich begriff auch Tamara die Situationskomik ...
«Halt die Klappe!», zischte es über meine Lippen. Mein hämisches Grinsen stoppte abrupt, als ich realisierte, dass es auf der anderen Seite der Leitung ungewöhnlich still geworden ist, länger als mir lieb war. Doch schliesslich begriff auch Tamara die Situationskomik und begann selber zu lachen. Puhh! Glück gehabt!
Als Informatik-Servicedesk-Mitarbeiter kommt man immer wieder in Situationen, die einen ungewollt zum Lachen bringen oder auch sehr peinlich sein können. Dann bin ich jeweils froh, wenn das Gegenüber den gleichen Humor mit mir teilt.
Tamara hatte heute angerufen, um zu melden, dass ihr Drucker defekt sei. Er habe gestern einen Papierstau gehabt. Mehrere Personen versuchten diesen zu beheben. Irgendjemand, natürlich nicht sie, hat ein Plastikteil bei der Klappe abgebrochen, die man zur Behebung des Papierstaus hat öffnen müssen. Seither liesse sich die Klappe nicht mehr ganz schliessen und stehe immer einen Zentimeter offen.
Da Tamara gut hörbar vom nördlichen Nachbarn in die Schweiz arbeiten gekommen ist, verstand ich sie ganz gut und kommunizierte mit ihr automatisch auf hochdeutsch. Das ist mir allemal lieber, als wenn ich mein Gegenüber kaum verstehe, weil es entweder aus sehr fernem Lande kommt und daher unserer Sprache kaum mächtig ist oder sehr nah wohnt und appezöllerisch oder breit rheintalerisch sich ausdrückt und ich immer wieder nachfragen muss: «Hä? Was häsch grad gseit?»
Tamara erzählte mir nun weiter, dass sie problemlos kopieren kann mit dem Druckkopierer, aber beim Drucken müsse sie immer beim Gerät stehen und die Klappe zuhalten, dann funktioniere der Drucker. Sobald sie die Klappe loslassen würde, käme der Drucker auf Fehler.
Da passierte es. Mir rutschte es einfach so raus: «Halt die Klappe!» Als dann Tamara, wie erwähnt, meine Aussage in dieser Situation einordnen konnte und ich froh war, dass sie mich nicht falsch verstanden hatte, wollte ich mit einer anderen Überlegung die Situation entschärfen und sagte: «Du kannst auch einen Lehrling … oder wie sagt ihr? Einen Azubi? … beim Drucker hinstellen und ihm sagen: Halt die Klappe!»
Sie kicherte wiederum: «Nun, das wäre bei den heutigen Jugendlichen nicht das Dümmste, was diiieee alles quaseln! Man muss inzwischen sehr vorsichtig sein, was man wie sagt. Da kommt schnell mal eine Reaktion, wenn man nicht erwartungsgemäss oder zu salopp kommuniziert.»
«Du meinst von den Eltern, die dann melden, dass man das nicht dulde?», fragte ich nach.
Mir wurde «gschmuuch».
«Nein, von der Personalabteilung, die über meine Äusserungen in so einem Fall meist informiert wird.» Mir wurde «gschmuuch». Tamara könnte ja auch mich «vertäderle»!?
Doch woher kommt die Redewendung «Halt die Klappe!?» Professor K.I. Google gibt Auskunft und hält fest, dass diese Floskel im Mittelalter in Klosterkirchen entstanden sein muss. Damals gab es schon klappbare Stühle, beziehungsweise Sitzflächen in den Kirchenbänken, die ziemlich schwer waren, da aus Massivholz hergestellt. Die Klappen waren aber nicht mit Federn ausgerüstet, die die Sitzflächen am Runterdonnern hinderten, bzw. hochgezogen hätten. Wenn man sie beim Absitzen oder Aufstehen nicht festhielt, fielen sie mit lautem Knall in ihre ursprüngliche Lage zurück, was zur Folge hatte, dass die andächtige Liturgie oder die Ruhe in der Kirche gestört wurde. Und die Rüge, die darauf vom Abt, Geistlichen oder Kirchenvorsteher folgte, war nur logisch: «Halt die Klappe!»
Die Aussage wandelte sich während den letzten Jahrhunderten zum Inbegriff für Schweigen, nichts mehr zu sagen haben oder einfach Stillsein.
Ich stelle fest: Die Mönche im Mittelalter konnten die Aussage «Halt die Klappe!» einordnen und rebellierten deswegen nicht. Heute muss man sich aber zunehmend politisch korrekt ausdrücken, denn offenbar wird mit «falschen» Aussagen die innere Ruhe von irgendetwas gestört, das niemand so recht benennen kann. Wird hier gerade der Humor mundtot gemacht?
Ach ja, was ich noch anfügen wollte: Ich habe (bis jetzt) keine Verwarnung vom Personellen erhalten und halte nun die Klappe.
STEFAN WANZENRIED
federdirigent.ch



