Erste Schweizer Linienpilotin begeisterte in Hagenbuch
24.03.2026 HagenbuchRegula Eichenberger sass als erste Linienpilotin der Schweiz im Cockpit. In Hagenbuch sprach sie über ihren ungewöhnlichen Weg und ihre spannenden Erfahrungen in der Luft.
Den Vortrag beginnt Regula Eichenberger mit der Frage, warum ein Flugzeug fliegt. Ein Mann kann sie ...
Regula Eichenberger sass als erste Linienpilotin der Schweiz im Cockpit. In Hagenbuch sprach sie über ihren ungewöhnlichen Weg und ihre spannenden Erfahrungen in der Luft.
Den Vortrag beginnt Regula Eichenberger mit der Frage, warum ein Flugzeug fliegt. Ein Mann kann sie beantworten – was eher selten sei, wie die Referentin verrät. Meistens wüssten es die Leute nicht. Schon lange warte sie darauf, dass eine Frau die physikalischen Effekte (unter anderem den Bernoulli-Effekt) erklären könne, sagt sie schmunzelnd.
Etwas über 30 Personen konnte Barbara Russ, Leiterin von Pro Senectute Hagenbuch, am vergangenen Freitagnachmittag im alten Gemeindehaus begrüssen. Und diese zeigten sich beeindruckt vom Leben der pensionierten Pilotin und Buchautorin.
Gute Startbedingungen sind wichtig
Regula Eichenberger wuchs in einem flugbegeisterten Umfeld auf. Mit 17 Jahren erwarb sie den Flugschein. Bewusst startet sie ihre Erzählungen mit der Kindheit in einem fördernden und wertschätzenden Umfeld: «Für einen guten Start braucht es gute Voraussetzungen», ist sie überzeugt.
Später wird die Tochter eines Fluglehrers selbst Fluglehrerin. Nach einem Jahr als Au-pair in Kanada und einem Kurzeinsatz als Lehrerin in einem Bündner Dorf, empfand sie die Schweiz als kleinkariert und kehrte in den Familienbetrieb beim Flugplatz Buttwil zurück, wo sie mitarbeitete und sich zur Fluglehrerin ausbilden liess. «Früher gab es noch einen grossen Zusammenhalt», blickt sie zurück. «Die Swissair wollte damals noch keine Pilotinnen», erklärt sie den beruflichen Umweg über die Lehrerausbildung.
1983: Erste Schweizer Linienpilotin
Später klappte es dann doch. 1983 setzte Moritz Suter, der Gründer der Crossair, Regula Eichenberger als erste Schweizer Linienpilotin ein. Ihren ersten Flug absolvierte sie als Copilotin von Bern-Belp nach Lugano-Agno und löste damit ein grosses Medienecho aus. 1985 stieg die 1955 Geborene zur Kapitänin auf. Es folgten Jahrzehnte in verschiedenen Fluggesellschaften mit prägenden Erlebnissen. 2015 ging sie im Alter von 60 Jahren in Pension. Ihr Vater durfte diesen besonderen Moment im Alter von 86 Jahren im Cockpit miterleben.
Fliegerisch sei es zwar positiv gewesen, als junge Kapitänin unterwegs zu sein. Für den Umgang mit Menschen sei jedoch Erfahrung entscheidend, erklärt Eichenberger, die bereits mit 30 Jahren im Cockpit die Verantwortung trug. Als wichtige Prävention vor Unfällen nennt sie in diesem Zusammenhang insbesondere zwischenmenschliche Fähigkeiten. Die Schulung nicht-technischer Kompetenzen, das Crew-Resource-Management (CRM) sowie eine sorgfältige Selektion der Pilotinnen und Piloten seien entscheidend. Denn Hauptursachen für Flugunfälle sind laut Eichenberger menschliches Versagen, Kommunikationsprobleme an Bord, Kompetenzkonflikte innerhalb der Crew und Entscheidungsschwäche. Auch ein moderates Lohngefälle sei wichtig für ein funktionierendes Team, ist sie überzeugt.
Frau in einer Männerdomäne
Die Erlebnisse als Frau in einer Männerdomäne haben die heute 71-Jährige geprägt. Die grössten beruflichen Hürden habe es im zwischenmenschlichen Bereich gegeben. Immer wieder habe sie sich mit Vorurteilen und respektlosen Kommentaren auseinandersetzen müssen, sowohl von Passagieren als auch von Kollegen. Sie erzählt, wie sie sich weigerte, ihre erste Stelle als Pilotin im Rock anzutreten: «Der Jupe war ideal für den Laufsteg, nicht fürs Cockpit», sagt sie und bezeichnet die Forderung noch heute als «unerhört».
Oder wie ein Mann Turbulenzen damit erklärte, dass «eine Frau am Steuer» sei. Sie habe ihn daraufhin ins Cockpit zitiert. «Den Kopf gewaschen» habe ihm dann allerdings vor allem seine Ehefrau, erzählt sie schmunzelnd.
Erlebnisse in einem Buch festgehalten
Ihre Erlebnisse hielt Regula Eichenberger später im Buch «Über den Wolken – mein Leben zwischen Himmel und Erde» fest, welches 2022 im Schweizer Wörterseh Verlag erschien. Darin gewährt sie Einblicke in ihren Werdegang und ihre Erfahrungen als Pilotin. Sie flog unter anderem nach Australien, Asien und Afrika sowie auf Langstrecken nach Südamerika und auf die Malediven. Mit 55 Jahren war die Umschulung auf Airbus-Flugzeuge für sie ein grosser Schritt. «Wie der Wechsel von der Schreibmaschine zum Computer», beschreibt sie den Unterschied. Fast ein Jahr habe es gedauert, bis sie sich vollständig sicher fühlte.
Als Pilotin arbeitete sie zunächst für die Crossair, später für die TEA, für die sie unter anderem in Australien, Vietnam und Afrika stationiert war. Danach folgten Einsätze bei der Swissair-Tochter Balair und nach dem Grounding der Swissair bei der Belair.
Der Anstoss zum Buch sei unter anderem der Tod ihres Vaters im Jahr 2020 sowie die ruhigere Zeit während der Corona-Pandemie gewesen.
Respektlose Passagiere häufiger
Nach dem Vortrag beantwortete Eichenberger Fragen aus dem Publikum. Ob sie Probleme mit renitenten Passagieren erlebt habe, wollte jemand wissen. Gewalt an Bord und «zugedröhnte» Passagiere habe es schon früher gegeben. Dass der Respekt heute weiter abgenommen habe, sei ein Zeichen der Zeit. «Am besten sollte man Passagiere mit problematischem Verhalten gar nicht erst an Bord lassen», sagt sie.
Auch der Jetlag sei für sie eine Herausforderung gewesen, allerdings erlebten dies nicht alle gleich. Medizinische Notfälle mit Notlandungen habe sie erlebt, jedoch keine Todesfälle oder Geburten während eines Fluges. Ihr längster Flug dauerte 12 Stunden und 40 Minuten. Die Privatpilotenlizenz behielt sie nach der Pensionierung noch einige Zeit. Nachdem ihr Mann vor vier Jahren verstorben sei, mache das Fliegen für sie jedoch keinen Sinn mehr. «Ich bin 50 Jahre unfallfrei geflogen», blickt Regula Eichenberger auf eine ereignisreiche Karriere zurück.
BETTINA STICHER



