Eine gute Idee oder «mit der Kirche ums Dorf»?
29.11.2025 ElggNoch nie war das Interesse am Dorfpalaver so gross wie diesmal: Die Frage, ob ein Einbahnregime die Elgger Gassen entlasten könnte, bewegte. Zwischen Sorge um den Durchgangsverkehr, dem Wunsch nach mehr Raum und der Angst vor Umwegen wurde engagiert diskutiert.
Links- oder ...
Noch nie war das Interesse am Dorfpalaver so gross wie diesmal: Die Frage, ob ein Einbahnregime die Elgger Gassen entlasten könnte, bewegte. Zwischen Sorge um den Durchgangsverkehr, dem Wunsch nach mehr Raum und der Angst vor Umwegen wurde engagiert diskutiert.
Links- oder rechtsherum? Um diese Frage drehte sich das Dorfpalaver, das Anfang Woche bereits in die 15. Ausführung ging. Der Dorfverein hatte mit diesem Thema einen Nerv getroffen – 40 Gäste nahmen am Gespräch teil, so viele wie noch nie. Unter den Gästen auch Gemeindepräsidentin Ruth Büchi-Vögeli und Gemeindeschreiber Marcel Aeschlimann sowie die Gemeinderäte Mirjam Lehmann (Planung, Bau und Energie) und Daniel Hungerbühler (Bevölkerung und Sicherheit), der mehrmals am Abend um Auskunft gebeten wurde.
Ob links- oder rechts sei keinesfalls politisch gemeint, eröffnete Barbara Fehr, die das Gespräch gewohnt souverän moderierte. «Was läuft gut und was weniger, die Mobilität in Elgg betrachtet?» ihre Einstiegsfrage. Gleich mehrere Anwohnende der Hintergasse meldeten sich, dass sie unter dem Durchgangsverkehr zu Stosszeiten leiden. Mit den Fahrzeugen, die immer grösser würden, werde auch das Kreuzen herausfordernder. Schliesslich müssten sich Busse, Lastwagen, Privatautos und landwirtschaftliche Fahrzeuge den Platz wechselseitig teilen – ganz abgesehen vom Langsamverkehr. Diese Problematik betrifft allerdings nicht nur die Hintergasse, sondern alle vier Hauptwege der Kernzone. Werner Ronner hakte ein und betonte, dass gerade wegen des regen Aufkommens und der parkierten Autos nicht schnell gefahren werden könne. Gegenseitige Rücksichtnahme sei Bedingung, dass der Verkehr gut funktioniere. Eine Aussage, die mehrmals am Abend genannt und positiv bewertet wurde – Rücksichtnahme und Umsicht würden von den meisten ernst genommen.
Thomas Heierli wandte ein, dass Elgg von aussen eher neidisch betrachtet würde, weil flächendeckend Tempo 30 eingeführt worden sei – etwas, das andernorts nicht reibungslos funktioniere.
Wer soll sich wem anpassen?
Die Idee, Einbahnen in den Hauptgassen von Elgg einzuführen, wurde bereits in früheren Dorfpalavern diskutiert – vor allem mit dem Ziel, die Lebensqualität im Flecken zu erhöhen und mehr Raum für Begegnung und Grünzonen zu schaffen. Doch welche Konsequenzen dies für Fahrzeuglenker und Anwohnende hätte, war bislang nie so detailliert beleuchtet worden. Peter Zinggeler nahm zur Veranschaulichung das Tischviereck als Beispiel der vier Gassen. Er simulierte den jeweiligen Weg, der mit einem Fahrzeug zurückgelegt werden müsste, wenn der Verkehr nur noch einseitig geführt würde. Es wurde abgewogen, ob Hinter- oder Vordergasse für eine einseitige Verkehrsführung geeignet wären oder weder noch. So oder so, ein Anliegen, bei dem auch der Kanton ein Wörtchen mitzureden hat: Insbesondere die Vordergasse ist eine Durchgangsroute für Sondertransporte. Das kleine Spiel veranschaulichte, dass meist längere Wege zum Ziel zurückgelegt werden müssten. «Der Binnenverkehr würde zunehmen!» eine These, die von mehreren Personen gestützt wurde.
David Rhiner erinnerte: «Elgg hat seine Struktur vor 500 Jahren erhalten, als die Gegebenheiten völlig andere waren. Auch in den nächsten 50 Jahren wird sich vieles weiterentwickeln – ich sehe einen attraktiven Wohn- und Lebensraum zwischen den Häuserfassaden. Wir sollten Elgg der Lebensqualität anpassen und nicht dem Verkehr.» Er räumte ein, dass sowohl Parkplätze als auch der Verkehr ihren Raum erhalten müssten, nicht zuletzt für die Gewerbetreibenden. Angemessenen Platz forderte auch Peter Ziegler ein, der an einer Beeinträchtigung der Sehfähigkeit leidet: «Weil es mehrheitlich keine Trottoirs hat, muss ich aus Sicherheitsgründen in der Wasserrinne gehen, um nicht überfahren zu werden. Für Rollstuhlfahrer oder mit Kinderwagen ist die Situation noch schwieriger, ganz zu schweigen von Personen, die auf einen Rollator angewiesen sind.» Das Argument, er könne ja Quersträsschen nutzen und die Hauptgassen meiden, liess er nicht gelten.
Am Gesamtverkehrskonzept können alle mitwirken
Die Gemeindepräsidentin Ruth Büchi-Vögeli orientierte über den aktuellen Stand: «Der Kanton plant eine Sanierung der Gassen im Jahr 2032. Vor diesem Hintergrund sind wir daran, ein Gesamtverkehrskonzept zu erarbeiten; dieses wird Teil des Leitbilds Altstadt, das wir im Juni der Bevölkerung vorgestellt haben.» Die Erstellung dieses Dokuments wurde von drei Vertretern des Kantons begleitet, die Erarbeitung des Verkehrskonzepts unterliege der Firma Ingesa AG – wiederum unter Miteinbezug der Arbeitsgruppe und der Einwohnerschaft. Der Projektstart ist für April mit einem öffentlichen Workshop geplant, im September folgt ein zweiter mit konkreten Massnahmen. Abgeschlossen soll das Papier Ende 2026 sein.
Ueli Wälchli wollte von den Behördenvertretern wissen: «Wenn wir beschliessen, bei uns solche Massnahmen umzusetzen, haben sie beim Kanton überhaupt eine Chance?» Raumplaner Philipp Rütsche, Ingesa AG, nahm Stellung: «Es ist ein interessantes Gespräch heute. Klar ist, dass in Elgg sehr viele Interessen aufeinanderprallen, die wir unter einen Hut bringen müssen. Dazu kommt die Tatsache, dass es sich um Kantonsstrassen und teilweise um Ausnahmetransportrouten handelt, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen. Gewisse Anliegen haben eine Chance auf Umsetzung, aber sicher nicht alle.» Der Vorteil sei sicher, wenn man bereits mit einer eigenen Planung vorspreche. «Der Kanton Zürich ist seit 2020 über die Arbeitsgruppe Netzwerk Altstadt mit drei Vertretern mit an Bord. Es ist bekannt, was wir planen», betonte Daniel Hungerbühler. Die Feststellung Rütsches, «Elgg hat vier Einfallsstrassen – jeder kommt von irgendwoher ins Zentrum und verlässt es wieder in eine Richtung», wurde umgehend aufgegriffen: «Elgg funktioniert eigentlich wie ein grosser Kreisel.»
Utopien, Visionen und konkrete Vorhaben
Am Dorfpalaver haben auch nicht ganz ernst gemeinte Voten Platz – sie sorgen immer wieder für Erheiterung, so auch dieses Mal. So meinte eine Anwohnerin, warum man eigentlich nicht ganz Elgg unterkellern könne – so würde Platz für ein Parkhaus mit verschiedenen Ausgängen geschaffen. Die Autos würden ebenfalls unter statt durch den Ort fahren. Oder: Eine Entlastung würde ein zusätzlicher Strassenring bringen – parallel zu den heutigen, einfach aussenrum.
Ein weiterer Vorschlag betraf die Vordergasse, die zur Begegnungszone umfunktioniert werden solle; etwas, das vom Kanton garantiert abgelehnt würde wegen der Ausnahmetransportroute. Büchi-Vögeli erörterte, dass anstelle der Vordergasse andere Strassen für derartige Zonen vorgesehen seien: «Im Leitbild haben wir festgehalten, dass die Strehlgasse und weitere Gassen im äusseren Bereich als Begegnungszonen definiert werden könnten. Geplant ist ebenfalls die Gegend zwischen Meisenplatz und Gemeindehaus entsprechend aufzuwerten.»
Zwar kein Konsens, aber weiterhin viel zu reden
Ein abschliessendes Fazit, ob ein Einbahnregime in allen vier Gassen, in einer oder zwei die perfekte Lösung im Flecken sein könnte, wurde nicht gefunden. «Würden wir heute darüber abstimmen, hätte das Anliegen wohl keine Chance» brachte es Richi Staub auf den Punkt.
Streckenweise wurde an diesem Abend etwas gehässig – oder besser gesagt – sehr engagiert diskutiert. Wie die Lösung dereinst aussehen könnte, ob wer ein Gipfeli holen möchte, mit der Kirche ums Dorf fahren oder weiterhin auf direktem Weg zum Ziel kommt, dürfte weiterhin zu reden geben. Für die Gewerbetreibenden ist gute Erreichbarkeit ein zentrales Anliegen – zum Beispiel der Kinderarzt generiere viel externe Kundschaft, die vielleicht noch beim Beck, beim Käseladen oder im Volg einkaufe. «Wenn die Praxis wegzieht, weil wir ihr Blumentöpfe in den Weg stellen, wäre das ein grosser Verlust,» gab Jürg Bosshard zu bedenken.
Wer auf der Gewinner- oder Verliererseite einer neuen Verkehrsführung steht, ist noch mehr als offen. Gewinner sind auf jeden Fall all jene, die mitreden und mitbestimmen beim neuen Konzept – die nächste Gelegenheit bietet sich in ein paar Monaten.
MARIANNE BURGENER


