Ein Feuersturm entriss Elgg seine westliche Hälfte
09.07.2026 HISTORIEVOR 150 JAHREN: DER GROSSE BRAND VON ELGG
Eine für das damals bäuerliche und handwerkliche Elgg glutheisse Juliwoche war am Samstagabend, den 8. Juli 1876 zu Ende gegangen. Die arbeitsintensive Heuernte hatte noch eingebracht werden können, obwohl Tage ...
VOR 150 JAHREN: DER GROSSE BRAND VON ELGG
Eine für das damals bäuerliche und handwerkliche Elgg glutheisse Juliwoche war am Samstagabend, den 8. Juli 1876 zu Ende gegangen. Die arbeitsintensive Heuernte hatte noch eingebracht werden können, obwohl Tage zuvor ein selten starkes Unwetter im nahen Tösstal und an der Murg im Thurgau mit einem verheerenden Hochwasser gewütet hatte. Auch 18 Mann aus Elgg hatten im benachbarten Katastropheneinsatz gestanden. Aber selbst der Fahrenbach und die Eulach , das sonst harmlose einheimische Gewässer, war bedrohlich geworden und hatten auf ihrem wasserreichen Lauf vom Schauenberg her Schäden verursacht.
Nun aber schien an diesem Sommersamstagabend das Schlimmste überstanden zu sein. Man hatte sich im Flecken, nach soviel Aufregung und Sorgen in der zu Ende gegangenen Woche, in der verständlichen Gewissheit zu Bette gelegt, nun endlich der wohlverdienten Sonntagsruhe entgegen zu schlafen.
Erste Flammen über der Untergasse
Der Schlaf jedoch war äusserst knapp geduldet. Schon kurz nach Mitternacht wurde die Bevölkerung von Elgg durch Lärm in den Gassen, dem Horn des Nachtwächters und durch Sturmläuten der Kirchenglocken aufgeschreckt. Und schon bald wuchsen und mischten sich in die nächtliche Dunkelheit gespenstische Feuerflammen. Sie hatten sich am Brandherd in der Nähe des «Spitals» entzündet. Im äussern Ring der Untergasse frassen sie sich nun immer unersättlicher durch die dichtaneinandergebauten, teilweise schindelbedeckten Holzhäuser, züngelten von First zu First , übersprangen, teilweise von Windstössen angetrieben, kleinere und grössere Zwischenräume, um sich erneut und noch gewaltiger an benachbarten Gebäuden und in den engen Gassen ihrem unaufhörlichen Zerstörungswerk hinzugeben. Der rote Hahn hatte sich in dieser Schreckensnacht auf den Dächern im Westteil des Eulachstädtchens festgesetzt und liess sich nicht vertreiben. Für die Bevölkerung eine traumatische, gespenstische Nacht: Feuer und Flammen, einstürzende Häuser und in sich zusammenbrechende Dächer, mutig Helfende, aber auch Schreiende und Ohnmächtige, Verzweifelte und Vermisste!
23 Spritzen der Feuerwehr
Zwar versuchte man mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln dem Feuer Herr zu werden: Zur einheimischen Feuerwehr stiessen die Feuerwehren der Nachbarorte. Um 2 Uhr nachts (nach einem telegrafischen Hilferuf, seit 1869 stand Elgg ein Telegraphenverbindung aber noch kein Telephon zur Verfügung ) erreichte die Feuerwehr der Stadt Winterthur den Unglücksort, später noch verstärkt durch die ganze per Bahn nach Elgg transportierte städtische Löschmannschaft. Auf dem Brandplatz waren schliesslich 23 Spritzen im Einsatz. Sie sollen zwar genügend Löschwasser im gestauten Fleckenbach (der damals noch durch die vier Gassen lief) und in den zahlreichen Dorfbrunnen gefunden haben . Aber das unerbittlich rasende Feuer, die gnadenlose Hitze und der undurchdringliche Rauch erschwerten die Löscharbeiten sehr.
Der nächtliche Kampf in den Gassen
Trotzdem gelang es den Winterthurern am damaligen «Untertor» (vor dem heutigen Restaurant «Eintracht»), dem Feuer Einhalt zu gebieten. Zwar wurden noch das gegenüberliegende Postgebäude an der Vordergasse (später Notariat) und das anschliessende Doppelwohnhaus durch enorme Wasserschäden abbruchreif. Aber es boten sich den Löschmannschaften an dieser Stelle glücklicherweise mehr Aktionsraum durch eine grosse Gebäudelücke. Sie klaffte an der Vordergasse in Richtung «Ochsen», seit dem verheerenden Brand von 1870,bei dem sieben Häuser eingeäschert worden waren. Schwierig gestaltete sich der nächtliche Abwehrkampf ampf gegen das Feuer im innern Ring der Vordergasse. Auf der Höhe der Strehlgasse (heute Poststrasse), brannten sogar massive Steinbauten. Das Feuer übersprang daraufhin auch die Strehlgasse ostwärts und frass sich in die Häuser von Lehrer Büchi und Uhrenmacher Hegnauer, wo heute die Landbank und der Volgladen stehen. Erst auf der Höhe von Glaser Mantels und Johann Sprungers Haus konnte das Feuer gestoppt werden. Heute verläuft an ihrer Stelle das Strässchen von der Vordergasse zum Lindenplatz, beim kleinen schmucken Riegelhäuschen. Der innere Ring der Hintergasse war etwas weniger gefährdet, weil der Brand vom 2. auf den 3. Januar gleichen Jahres an dieser Stelle die Häuserzeile bereits unterbrochen hatte. Das alte «Spital» wiederum am äussern Ring der Untergasse, in dessen Nähe der Brandherd lag, geriet wegen der Windrichtung von West nach Ost erst spät in Brand.
Das schlimmste Szenario (ganz Elgg in Flammen) abgewendet
Mit dem Wechsel der Windrichtung von Ost nach West verminderte sich nun die allergrösste, ins Unvorstellbare steigernde Befürchtung, dass bald auch der äussere Ring der Hintergasse, der nur durch ein Gässlein zum Schloss hin unterbrochen war, und dann -wie in einem Dominospiel- der zentrale und schliesslich sogar auch der ganze restliche, östliche Teil des Fleckens vom Feuer überrannt werden würde.
Das Elgger Feuer erhellt die Winterthurer Zifferblätter
Die übernatürliche Feuerkraft hielt auch die Region in Atem: Aus Winterthur wurde bezeugt, dass man in dieser Nacht an den Zifferblättern der Stadtkirche die Zeiger gesehen, und aus Zünikon, dass man im Freien die Zeitung hätte lesen können.
Nach 4 Uhr in der Früh war endlich die denkbar schlimmste Befürchtung, um Haaresbreite überstanden. Denn der Wind hatte glücklicherweise von Ost nach West gedreht. Endlich verstummten die über viele Stunden von Menschenhand in Schwung gehaltenen, hilferufenden Kirchenglocken. Aber am Morgen das bare Grauen: der westliche Dorfkern infernalisch eingeäschert.
Menschliche Opfer des Brandes
Zwei Menschen verloren im Grossbrand ihr Leben: die ledige 64jährige Verena Stadelmann und die 49jährige Anna Büchi, Ehefrau von Altlehrer Büchi. Die BewohnerInnen der zuerst vom Feuer erfassten Häuser an der Untergasse konnten zwar ihr Leben retten, verloren aber Hab und Gut.
Eine Mutter reichte ihren nackten Säugling einer Nachbarin. Diese legte ihn, frisch umwickelt, auf eine Wiese. Als die Wickeltücher bald auch zu brennen begannen, konnte der Säugling nur knapp gerettet werden.
Riesige Gebäudeschäden – Katastrophentouristen kommen mit Extrazügen
Innert vier Stunden zerstörte das Feuer 42 Wohnhäuser, 47 Ökonomiegebäude, neun Werkstätten; weitere Wohnhäuser und Ökonomiegebäude wurden dabei teilweise beschädigt. Die Nachricht von der Brandkatastrophe in Elgg verbreitete sich in Windeseile. Sie zog Unzählige aus nah und fern an. Viele waren durch das Schicksal von Verwandten und Bekannten mitbetroffen, andere aber von blosser Neugier gepackt. Sie suchten den Unglücksort zu Fuss, per Pferdefuhrwerk, vor allem aber mit der Eisenbahn auf. Die Bahn musste Extrazüge organisieren ! Diese karrten Tausende von Zuschauern nach Elgg, das den Herbeigeeilten ein einmaliges Bild der Zerstörung und des Chaos bot. Dazu waren ausserhalb der Trümmerlandschaft in unmittelbarer Umgebung die geretteten Habseligkeiten aus verbrannten Häusern aufgeschichtet.
Aufräumarbeiten und die erste «Turnhalle» von Elgg
Bereits am Montag nach dem Brand begannen die Aufräumarbeiten. Aus allen Nachbargemeinden, sowie aus Winterthur und Frauenfeld stellten sich Hilfskräfte ein. Auf Fuhrwerken wurde der Brandschutt beim Rietweier deponiert und zum Strassenbau bei der Tüllbrücke über den Rietbach in Richtung Kollbrunn verwendet. Die Zürcher Regierung bot die Sappeure aus den Auszugsbataillonen auf. Diese errichteten auf dem Turnplatz hinter der «Metzg» beim Lindenplatz eine riesige Baracke für das Vieh und die Futtervorräte. Die Baracke diente später als Turnschopf, sozusagen die erste Turnhalle von Elgg.
Belastete Brandversicherungen und überwältigende Hilfsbereitschaft
Die ungeheuren Brandschäden in Elgg belasteten nicht nur die Hauseigentümer. Auch die kantonale «Brandassekuranz» geriet in einen Engpass. Sie hatte bereits Schäden zu decken, die nur wenige Monate zuvor am 2./3. Januar
1876 bei der Brandkatastrophe im äussern Ring der Hintergasse entstanden waren. Deshalb musste sie auf den Reservefonds zurückgreifen. Auch sechs private Versicherungsgesellschaften vergüteten Teile der entstandenen Schäden. Aber ausser den Versicherungsleistungen waren die auswärtigen persönlichen Hilfeleistungen überwältigend. Aus den Dörfern und Städten der Umgebung flossen zahlreiche Spenden und eine Unmenge von Naturalgaben an das Hilfskomitee nach Elgg unter dem Vorsitz des Gemeindepräsidenten J .Müller.
Bauen? Mieten? Wegziehen?
Die Bevölkerung hatte vor dem Brand in ihren äusserst bescheidenen alten, teilweise noch schindelbedeckten Häusern gewohnt, aber immerhin in gesicherter Existenz. Nun standen viele vor schwierigen Entscheiden. Sollten sie neu bauen und sich übermässig verschulden? Sollten sie gar wegziehen? Sollten sie da bleiben, zu mittellos und zu mutlos für ein Eigenheim?
Wohltäterin Zivilgemeinde Elgg
Auch die Zivilgemeinde war geschädigt worden. Sie hatte zwei Gebäude verloren: das alte «Spital» an der Untergasse und das Wachthäuschen an der Vordergasse. Auch die Brandbekämpfung verursachte Kosten. Nun lieferte sie den Brandgeschädigten aus ihren Waldungen gratis Bau-und Brennholz. Auf dem Areal des abgebrannten «Spitals» und beim «Platz» (Lindenplatz) erstellte sie je ein Doppelwohnhaus für jene, die nicht neu bauen konnten. Zwei Brandgeschädigten im Flecken, deren Areal nun für neue Quartierstrassen benötigt wurden,und die sich entschlossen hatten, im «Schmittenacker» zu bauen, erstellte die Zivilgemeinde 1877 einen Brunnen, der beinahe unbeachtet und verspielt bis in die Gegenwart hinein vor sich hin plätschert.
Massnahmen nach der Katastrophe
Elgg wusste schon längst um seine Verwundbarkeit. Seine Häuserzeilen, viel Holzbauten mit Schindeldächern, standen seit Jahrhunderten in dichtestem Verbund aneinandergereiht, praktisch ohne Durchbrüche ausser wenigen Stadttoren. Die jeweils äussere Häuserzeile der vier Gassen vermochte langezeit als Schutzgürtel, zusammen mit dem alles umgreifenden Stadtgraben und einem Palisadenhag menschlichen Eindringlingen vielleicht wehren. Aber dem Feuer gegenüber blieb es wehrlos.
Dies war das Erbe aus früherer Stadtplanung, das sich schwerlich ändern liess. Erst die grosse Brandkatastrophe brachte die bauliche Zäsur: Hatte man früher schon Brandgeschädigten nahegelegt, ihre neu zu erstellenden Oekonomiegebäude an die äussern Gassen zu verlegen und allgemein die Kamine nach den neuen Vorschriften zu erstellen. Die Bürgerschaft beschloss ausserdem die Brandgefahr systematisch zu mindern: mit Aufkauf sämtlicher Brandplätze, mit Aufkauf und Abbruch von Häusern, mit der Erstellung neuer Verbindungsstrassen im Katastrophenquartier und neuen Bauvorschriften zugunsten des Verkehrs und der Feuersicherheit.
Die auffallendste Veränderung des Strassennetzes im Flecken selbst bildete die Fortsetzung der bestehenden Strehlgasse (später Poststrasse genannt) über den Lindenplatz zur Hintergasse. Ab Hintergasse wurde neu über den Tüllbach die heutige Strasse in Richtung Kollbrunn gebaut. Auf dem Brandschutt zweier Häuser, die am äussern Ring der Hintergasse gekauft und abgebrochen worden waren. Die Devise nach der Brandkatastrophe lautete: Weg vom «verdichteten» Bauen!
Von den 30 Hofstätten im heimgesuchten Quartier vor 1876 waren nach 1876 nur noch deren 15 geplant und realisiert worden. Leider existieren weder Bilder noch Fotos aus der Zeit. Deshalb bleibt unbekannt, wie die Untergasse und die Strehlgasse vor dem grossen Brand von 1876 ausgesehen haben. Andererseits verrät ein erhalten gebliebe ner Ueberbauungsplan die damaligen Gebäudegrundrisse und deren Besitzernamen.Während im östlichen Teil des Fleckens die Häuserreihen immer noch verdichtet stehen, ist heute der Westteil mit Einzelbauten, Strassen und Zugängen baulich aufgelockert. Der ringartige Baucharakter wurde zwar beibehalten, die verdichtete Bauweise jedoch aufgebrochen.
Durchbrüche, Abbrüche, Schindeldächer und Ziegeldächer
Weitere Neuerungen folgten. Ein zweiter Nachtwächter wurde bestellt, eine neue Spritze angeschafft, die Feuerwehr reorganisiert. Im Jahre 1881 bildete sich sogar eine freiwillige Feuerwehr, die durch häufige Uebungen das angeschlagene Vertrauen der Einwohnerschaft suchte. Im Jahre 1887 wurde eine Wasserversorgung mit Hydrantenanlage erstellt. 1896 kaufte die Gemeinde beim «Obertor» ein altes Gebäude und brach es ab, um den südöstlichen Durchgang zu verbreitern. 1901 wurde ein Haus am äussern Ring der Obergasse abgebrochen, um in der langen Häuserzeile den einzigen Durchgang nach Osten zu ermöglichen. Dies geschah absichtlich oder unabsichtlich auch im Hinblick auf den neu zu schaffenden Friedhof im Breitequartier, der schliesslich im Jahre 1922 bereitstand. Nach weiteren Bränden 1902, 1903 und 1904 im äussern und innern Ring der Hintergasse wurde beschlossen, die Schindeldächer durch Ziegeldächer zu ersetzen. So verschwanden anfangs des 20. Jahrhunderts, innerhalb eines Jahrzehntes, die malerischen Schindeldächer zugunsten einer erhöhten Feuersicherheit.
Erfroren im Staate Minnesota (USA)?
Wie kam es eigentlich zu dieser Brandkatastrophe? Man vermutete Brandstiftung. Zwei Erstverdächtige wurden verhaftet, mussten aber wieder entlassen werden. Schliesslich fielen starke Indizien auf Ulrich M., Naglers. Schon zwei frühere Brände waren in seiner Nachbarschaft ausgebrochen, beide Male hatte er kurz zuvor Versicherungserhöhung beantragt. Nachbarstreit und Geldmanipulationen kamen dazu. Mantel soll mit einer grossen Versicherungsgeldsumme verschwunden und unauffindbar geblieben sein. Erst zehn Jahre später soll aus den USA die Todesnachricht eingetroffen sein: ein Ulrich M. aus Elgg sei auf einem liegenden Baumstamm erfroren aufgefunden worden. War er es wirklich? Die offiziellen Quellen schweigen.
MARKUS SCHÄR

