Die Religion kennt einen Plural
06.01.2026 LeserbriefeDie Welt ist komplex. Kaum jemand wird dies leugnen. Komplexität ist naturgemäss nicht einfach, und offenbar lässt sich damit nicht Politik machen. Da werden einfache Botschaften gesucht, wie sie Therese Schläpfer vermitteln möchte. Sie suggeriert das Schwarz-Weiss-Bild ...
Die Welt ist komplex. Kaum jemand wird dies leugnen. Komplexität ist naturgemäss nicht einfach, und offenbar lässt sich damit nicht Politik machen. Da werden einfache Botschaften gesucht, wie sie Therese Schläpfer vermitteln möchte. Sie suggeriert das Schwarz-Weiss-Bild des bösen Islam und des guten Christentums und bleibt sämtliche Antworten schuldig: Was konkret spricht gegen den Besuch eines Imam an der Volksschule? Lehrpersonen an der Volksschule brauchen eine «pädagogische Ausbildung», gewiss. Aber externe Besucherinnen und Referenten? Wie ist dies denn bei der Waldbegehung mit dem Förster oder beim Besuch der Kläranlage in offiziellen Schulstunden? Eine bekennend islamische Person scheint pauschal Ängste zu wecken, die zur Abwehr mobilisieren. Frau Schläpfer sucht vergeblich Gründe, die gegen den Auftritt einer Fachperson sprechen.
Ich kann sie beruhigen: Erstens ist es schon ein verbindlicher Inhalt im 1. Zyklus (Kindergarten bis 2. Primarklasse), sich mit verschiedenen Weltreligionen auseinanderzusetzen. Zweitens gibt es in der Zürcher Volksschule nicht ein allgemeines Besuchsrecht für die Öffentlichkeit in sämtlichen Lektionen. Drittens heisst das Fach nicht wie Frau Schläpfer es nennt «Religion, Kultur und Ethik», sondern kennt für die beiden ersten Begriffe den Plural. Damit wird es der Komplexität dieser Welt eher gerecht als die Singulare in «un roi, une loi, une foi» vergangener Zeiten, mit deren Einfachheit heutige Politikerinnen und Politiker offensichtlich liebäugeln. Zudem teilen wir mit dem Islam nicht nur die Gottheit – unter anderen Namen –, sondern auch mehrere Propheten und wesentliche Werte: Gemeinsamkeiten, die im Kontext von Zuwanderung von rechten Kreisen kaum angesprochen werden.
Dass die Kommunikation mit der Schulleitung nicht zustande kam, ist zugegebenermassen bedauerlich, hat jedoch vielleicht auch Gründe, die wir nicht kennen. Die Zürcher Volksschule hat mit den Schulpflegen, Schulleitungen sowie der obligatorischen und neutralen Fachstelle für Schulbeurteilung eine funktionierende Struktur, um die Schulqualität zu sichern und die Einhaltung des Lehrplans und der geltenden Vorschriften zu gewährleisten. Diese Strukturen zu stärken, soll unsere Aufgabe als Stimmbürger und Politikerinnen sein. Erfahrungen als Maître de Cabine werden dafür nicht relevant sein, sondern vielmehr gemäss Lehrplan «verschiedenen Überzeugungen respektvoll zu begegnen.» Das erlaube ich mir kraft meiner «pädagogischen und in der Schweiz anerkannten Ausbildung» zu sagen.
PIERRE HUBER, ELGG
Replik auf Therese Schläpfers Kolumne «Imam an der Primarschule» in der «Elgger/Aadorfer-Zeitung» vom 30. Dezember 2025
