Die Künstlerin hinter Kunst und Gold
24.09.2026 AadorfEs gibt Menschen, bei denen man auf den ersten Blick spürt, dass in ihnen etwas Grösseres schlummert als das, was sie im Alltag zeigen. Varinia Steiner ist so ein Mensch. Die 23-Jährige, aufgewachsen in Bronschhofen, wohnt seit fünf Jahren in Aadorf und arbeitet heute als ...
Es gibt Menschen, bei denen man auf den ersten Blick spürt, dass in ihnen etwas Grösseres schlummert als das, was sie im Alltag zeigen. Varinia Steiner ist so ein Mensch. Die 23-Jährige, aufgewachsen in Bronschhofen, wohnt seit fünf Jahren in Aadorf und arbeitet heute als Conditorin in Winterthur. Wer sie dort in der offenen Schaukonditorei beobachtet, wie sie mit ruhigen Händen Blumen aus Zucker modelliert, ahnt vielleicht noch nicht, dass dieselben Hände auch grossformatige Gemälde erschaffen, die längst ein eigenes Publikum gefunden haben.
Ihren Künstlername «Mingl» trägt Varinia Steiner schon ihr ganzes Leben – entstanden, weil einer ihrer beiden Brüder ihren Namen als Kind nicht aussprechen konnte. Aus «Varinia» wurde «Mingl», und der Name ist geblieben, ein kleines, liebevolles Stück Familiengeschichte, das sie bis heute begleitet.
Dass Mingl künstlerisch tätig wurde, überrascht niemanden, der ihre Familie kennt. Ihr Vater arbeitet in der Filmbranche, ihre Mutter hat den Beruf der Vergolderin gelernt. Schon als kleines Kind sass Varinia neben ihrer Mutter und schaute zu, wie diese Blattgold auf Oberflächen auftrug – und irgendwann durfte sie es selbst versuchen. Gemalt wurde in dieser Familie viel und oft. Mit zwölf Jahren begann Mingl, frei und aus sich selbst heraus zu malen – nicht mehr nur zum Spass, sondern mit einem Ernst, der für ihr Alter aussergewöhnlich war. Sie zeichnete, was sie bewegte, was sie prägte, was sich mit Worten nicht fassen liess. Die Malerei wurde zu einer Sprache für all das, wofür sie sonst keine Worte fand.
Auch während ihrer Ausbildung zur Conditorin liess sie das Malen nie los. Zwischen Teig, Zucker und Schokolade fand sie immer wieder Zeit für die Leinwand – und irgendwann kamen die ersten Aufträge, zunächst von Arbeitskolleginnen und -kollegen, die von ihrem Talent gehört hatten. Wann genau ihr klar wurde, dass die Kunst mehr als ein Hobby war? Schon im Kindergarten hatte eine Lehrperson ihr Talent erkannt. Doch richtig bewusst wurde es ihr in der Oberstufe, als Mitschülerinnen und Mitschüler sie baten, für sie zu zeichnen – und ihre damalige Lehrerin ihr kaum glauben wollte, dass sie die Zeichnungen tatsächlich ganz allein geschaffen hatte.
Was «Kunst und Gold» bedeutet
Der Name ihres künstlerischen Schaffens ist Programm: In jedem Bild von der Künstlerin findet sich irgendwo eine Ecke Gold. Sie arbeitet dabei mit Schlagmetall, also mit Kompositionsgold – bewusst nicht mit echtem Blattgold, denn es geht ihr nicht um den materiellen Wert, sondern um die Wirkung, die Gold entfaltet. Für sie unterstreicht das Gold die Verletzlichkeit, die in jedem ihrer Bilder steckt – jenen zarten, oft schwer greifbaren Kern, den ein Werk in sich trägt. Dass gerade dieses Material ihre Bildsprache prägt, ist kein Zufall: Es ist ein leiser Gruss an ihre Mutter, die sie einst das Vergolden lehrte.
Ihre Familie steht bis heute fest hinter ihr. Die Mutter unterstützt sie bei der Suche nach Galerien und beim Rahmen der Bilder, der Vater kümmert sich unter anderem um die Website. Stolz, das spürt man, ist in dieser Familie keine leere Floskel, sondern gelebter Alltag.
Malen zwischen Licht und Erinnerung
«Ich male, was zwischen Licht und Erinnerung leise wird.» Dieser Satz, den Mingl auf ihrer Website über ihre Kunst schreibt, ist mehr als ein schönes Bild – er ist der Schlüssel zu ihrem Schaffen. Es geht um jene Dinge, die sich nicht in Worte fassen lassen, die aber – manchmal ganz unbewusst – in einem Gemälde plötzlich sichtbar werden. Etwas in einem Bild kann etwas in uns berühren, ohne dass wir sofort verstehen, warum. Genau dieses leise, kaum greifbare Etwas sucht sie in jedem ihrer Werke.
Ihre Technik verbindet Acryl, Zeichnung, Aquarell und Gold – eine Kombination, die sich über Jahre organisch entwickelt hat und nie erzwungen wirkt. Wie lange ein Bild braucht, entscheidet nicht der Kalender, sondern der Kopf: Ein grosser Auftrag für eine Kundin in Nizza etwa dauerte zwei Jahre, bis er fertig war – die längste Zeit, die sie je für ein einzelnes Werk gebraucht hat. Die Kundin wollte ein besonderes Bild für ihre Ferienwohnung, eines, das die Atmosphäre und das Flair von Nizza einfängt, und wartete geduldig, bis das Bild in Mingls Kopf gereift war. Denn so arbeitet sie: Erst wenn ein Bild in ihrer Vorstellung vollständig entstanden ist, beginnt sie zu malen. Struktur und Gold kommen dann fast von selbst – dann, wenn sie es fühlt.
Ihre Inspiration schöpft sie aus dem Leben selbst. Alles, was sie erlebt, saugt sie förmlich auf und bringt es später auf die Leinwand: ein Lachen, Tränen, ein Ort, ein Stück Natur – nichts ist ihr zu klein, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Ein Werk liegt ihr dabei besonders am Herzen, auch wenn es noch nicht vollendet ist: die Erinnerung an eine kleine Gasse in der Toskana, mit Laternen und einem alten Mann mit seinem Hund – ein Bild aus ihrer Kindheit, das sie unbedingt festhalten möchte, bevor es verblasst.
Der kreative Prozess
Wenn die Künstlerin malt, braucht sie vor allem eines: Ruhe, begleitet von Hörspielen oder Musik – manchmal ist es tagelang dasselbe Stück, das sie in ihrer Arbeit trägt. Fast nie wird ein Bild genau so, wie sie es sich ursprünglich vorgestellt hat, und doch entwickelt es sich während des Malens in ihrem Kopf immer weiter, bis sie es fertigstellt. Wann ein Bild fertig ist? Das weiss sie ganz genau, auch wenn sie es kaum in Worte fassen kann: Dann, wenn nichts mehr hineinpasst.
Auch Auftragswerke gehören zu ihrem Schaffen. Die meisten Absprachen laufen schriftlich, viele Kundinnen und Kunden wohnen zu weit entfernt für ein persönliches Treffen oder ziehen den schriftlichen Austausch vor. Mingl fragt dann nach der Grösse der Wohnung, nach den Farben der Einrichtung, nach musikalischen Vorlieben – manchmal haben Auftraggebende schon eine ganz klare Vorstellung, wie jene Kundin aus Nizza, die sich Treppenmotive und eine an Dalí angelehnte Bildsprache wünschte.
So individuell jeder Auftrag ist, eines bleibt für die Kunstschaffende immer gleich wichtig: ihre eigene künstlerische Handschrift. Diese Art zu malen, sagt sie, ist untrennbar mit ihr verbunden. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der allererste Auftrag überhaupt – von einer ehemaligen Arbeitskollegin. Ein Anfang, den sie bis heute mit sich trägt.
Auf grosser Bühne
Einen wichtigen Meilenstein erlebte Varinia Steiner, als ihre Werke am «ARTBOX.PROJECT» Zürich 8.0 an der «SWISSARTEXPO» gezeigt wurden – einer Ausstellung, die im vergangenen Jahr rund 80’000 Besucherinnen und Besucher zählte. Den Anstoss dazu gab ein ehemaliger Arbeitskollege, der sie schon lange unterstützt: Er hatte von der Ausschreibung erfahren und sie ermutigt, sich zu bewerben. Sie tat es, zunächst mit nur einem einzigen eingereichten Bild – und war überzeugt, das reiche wohl nicht aus. Doch die Organisatorinnen und Organisatoren meldeten sich zurück, halfen ihr bei der Umsetzung und ermöglichten es schliesslich, gleich drei Werke auszustellen. Alle Beteiligten seien ausgesprochen hilfsbereit gewesen, erzählt sie – und doch war sie vor Ort furchtbar nervös.
Diese Nervosität wich schnell berührenden Begegnungen. Eine Besucherin sprang aufgeregt auf, als sie eines ihrer Bilder entdeckte, kam direkt auf Mingl zu und erzählte voller Freude, dass eine gute Freundin von ihr ein grosser Fan ihrer Kunst sei. Ein anderer Aussteller reiste eigens aus dem österreichischen Wels an, um im Rollstuhl dabei zu sein und selbst auszustellen. Es waren Begegnungen mit vielen herzlichen Menschen – Momente, die Varinia Steiner tief bewegt haben und die ihr gezeigt haben, wofür sie eigentlich malt.
Denn wenn ein Bild jemanden emotional berührt, sagt sie schlicht: «Ziel erreicht, Job erfüllt.» Es geht ihr nicht um Anerkennung im grossen Stil, sondern um dieses eine, ehrliche Gefühl: dass ihre Kunst etwas in einem Menschen auslöst.
Der Blick nach vorn
Auch wenn Varinia Steiner erst am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn steht, hat sie klare Träume. Sie möchte mehr Menschen erreichen, sie bewegen und berühren, ihnen Emotionen und Gefühle schenken, die über Worte hinausgehen.
Sie lagert sie ihre fertigen Werke zu Hause – so viele mittlerweile, dass sie ihrem Partner scherzhaft sagt, er wohne eigentlich in einer Galerie.
Am Ende des Gesprächs fasst die Aadorferin ihre Kunst in drei Worten zusammen. Ihre Antwort kommt ohne Zögern und sagt vielleicht mehr über sie aus als jede lange Erklärung:
«Freiheit, Liebe, Geborgenheit.»
Drei Worte, die zusammenfassen, was Mingl mit jedem Pinselstrich, mit jedem Hauch Gold auf ihren Leinwänden weitergibt: die Freiheit, alles auszudrücken, wofür Worte nicht reichen; die Liebe, mit der sie jedes Bild entstehen lässt; und die Geborgenheit, die sie damit in anderen Menschen auslösen möchte. Man darf gespannt sein, wohin ihre Reise sie als Nächstes führt.
EMANUELA MANZARI
Mehr zu Varinia Steiner und ihrer Kunst: www.kunstundgold.ch, auch zu finden auf www.artboxprojects.com

