Dickbuch anno 1903

  25.08.2022 Dickbuch

Noah Höhner stellte am Samstag im Restaurant Linde seine Kanti-Maturarbeit vor: ein eindrückliches Modell des Dorfes und der umgebenden Landschaft.

So viele Leute treffen sich normalerweise an einem Samstagnachmittag nicht in der «Linde». Doch etwas mehr über das frühere Dickbuch zu erfahren, mobilisierte. Bei niemand gehen die Erinnerungen bis ins Jahr 1903 zurück. Und trotzdem konnten die Bewohnerinnen und Bewohner beitragen, das Dorfbild zu rekonstruieren. Die Dickbucher erhielten umgekehrt Informationen über das Dorf, die ihnen bisher unbekannt waren. Die Reise in die Vergangenheit wurde sowohl für Noah wie für die Bewohnerinnen zum Erlebnis. Auch ein kleines Dorf lebt von vielen Geschichten. In Noahs Arbeit leben viele davon wieder auf.
Die Gebäude haben sich im Verlauf von 120 Jahren stark verändert oder sind teilweise verschwunden. Im Südwesten ist ein zweiter Dorfteil entstanden. Auch die Häuser unterscheiden sich von denen, die auf den alten Fotos abgebildet sind. Das Haus von Sollberger gegenüber der Linde brannte ab. Der Brandplatz blieb offen. Dafür wurde an der Dorfstrasse das neue Haus an die bestehende Scheune angebaut. Trotte und Mosterei haben längst ihren Betrieb eingestellt. In drei Wirtschaften konnten die Bauern ehemals ihren Durst löschen. Die «Sonne» an der Ringstrasse und der «Rosengarten» im Flarz bestehen nicht mehr. Dieser wurde um das Haus von Familie Hermann erweitert, an der Schulstrasse eine Scheune abgerissen und an deren Stelle das Einfamilienhaus von Familie Hungerbühler gebaut. Ein kleiner, alter Laden an der Dorfstrasse existiert nur noch als Anbau. Im Zehnten-Speicher aus dem Jahr 1580 werden weder Geld noch Getreide für einen Grundherrn gespeichert.

Karten, Fotos und Urkunden als Quellen

Auf einer alten Siegfriedkarte war ein Punkt eingezeichnet, wo jetzt die Rebenstrasse durchführt. Das musste ein Rebhäuschen gewesen sein, vermutete Noah. Dickbuch kultivierte damals an den Südhängen Reben. Doch niemand kann mehr über die Qualität des Weins Auskunft geben. Und dann gab es zum Glück noch die alten Postkarten, viele mit dem Vermerk «Gruss aus Dickbuch». Die Bewohner unterstützten die Arbeit, indem sie ihre alten Fotos zur Verfügung stellten.
Schon früh faszinierten den Schüler alte Gebäude und archäologische Funde. Im November 2020 stiess der Gymischüler auf eine Darstellung aus dem Jahr 1903. Gruss aus Dickbuch: «Bin gerade am Mittagstisch in der Linde. Gruss von Edi.» Auf dem Titelblatt der Maturarbeit stimmen die alten Darstellungen auf dieser Karte mit Gesamtansicht, Flarz, Wirtschaft zur Linde, Schulhäuschen exakt mit denen im Modell überein.
Mit dem Laser-Pointer wurden die Häuser vermessen, mit dem CAD-Zeichnungsprogramm aufgezeichnet und die Masse darauf auf einen 3D-Drucker übertragen. Dieser formte (druckte) aus Resin, einem harzähnlichen Material, formgetreu die Häuser. Die Drucker-Bauzeit betrug vier bis fünf Stunden je Haus. Sie sind detailreich nachgebildet mit den aus den Bildern ersichtlichen Holzstrukturen an Hauswänden und Scheunentoren – ebenso die Riegel, Fenster, Fensterläden, Türen und Schornsteine. Der Drucker vermag im 0,03 Millimeterbereich zu drucken, was äussert getreue Formen ermöglicht. Die Detailtreue der Rekonstruktion ist beeindruckend.

Für die Maturarbeit gab es eine Sechs

Entstanden ist eine grossartige Landschaft, mit Dorf, seinen Brunnen dem Relief des Geländes mit dem damals noch existierenden Rebberg, Bäumen, Wiesen und Feldern, mit eingezäunten Weiden auf denen Kühe und Schweine grasen. Auch die Tiere entstammen dem 3D-Drucker.
Die Familie war in das Projekt integriert: Vater Matthias zuständig für die elektrische Vernetzung, der Grossvater sponserte die vielen Lämpchen, denn jedes Haus wird von innen beleuchtet. So kommt die Struktur der Fassaden gut zur Geltung. Ein Freund aus Dickbuch und gelernter Zimmermann, Brandon Bigler, half bei der Erstellung des Modells.
Zur Maturarbeit gehörte nicht nur der Modellbau. Die Ursprünge des Dorfes «Dichipoch» und seine Entwicklung werden ebenfalls beschrieben. Als Schenkung an das «heilige» Kloster St. Gallen soll es dem Vater von Rihbold sogar in den Himmel verholfen haben. Einzelne Gebäude wie das Schulhaus, der Flarz mit ehemaliger Wirtschaft zum Rosengarten oder das ehemalige Backhaus der Dorfbäckerei Fritz werden besonders gewürdigt.

Herstellung des Modells

Das Modell hat eine Länge von eineinhalb und eine Breite von einem Meter. Gebaut ist es im Massstab 1:312. Die Bodenplatte besteht aus Holz. Darüber kam eine erste Schicht Sagex. Schicht um Schicht wurden darauf die nach einem exakten Höhenprofil erstellten Sagexplatten aufgeleimt. Um ein ebenmässiges Relief zu erhalten, verwendete Noah Höhner geschredderte Papierschnitzel, die sich gut zu einer formbaren Masse kneten liessen. Das ganze Modell erhielt zuletzt einen Überzug aus Gips, dessen Unebenheiten mit einer Schleifmaschine geglättet wurden. Die Häuser mussten sorgfältig in die Gipsschicht eingepasst werden. Jedes Gebäude erhielt ein LED-Lämpchen, damit die Strukturen gut zur Geltung kommen. Darauf wurde die Landschaft begrünt und bewaldet, die mit dem 3D-Drucker hergestellten Reben eingepflanzt und der Dickbucherbach durch die Landschaft gezogen. Für die Führung der Strassen diente eine Siegfried-Karte im Massstab 1:25’000 aus dem Jahr 1928.
Der Bau von Modellen gehört seit diesem von «Dickbuch anno 1903» zu einer ernsthaften Beschäftigung Noah höhners, obwohl Modellbau in der Kantonsschule im Lee mit dem musischen Profil seiner Ausbildung nicht im Vordergrund stand. Musik (Schlagzeug), ist jedoch in den Hintergrund getreten. Nächstens beginnt der junge Mann ein Praktikum im Kantonspital, Abteilung Chirurgie. Dem soll ein Studium der Medizin folgen.

PETER ZINGGELER


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