Die Debatte um die Individualbesteuerung offenbart ein bedenkliches Menschenbild: Der Bürger wird primär als steuerpflichtiges Arbeitssubjekt gesehen, das es durch finanzielle Anreize maximal in den Arbeitsmarkt zu integrieren gilt. Das ist entwürdigend!
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Die Debatte um die Individualbesteuerung offenbart ein bedenkliches Menschenbild: Der Bürger wird primär als steuerpflichtiges Arbeitssubjekt gesehen, das es durch finanzielle Anreize maximal in den Arbeitsmarkt zu integrieren gilt. Das ist entwürdigend!
Es ist erschütternd, dass Familien und Ehen hauptsächlich dazu da sein sollen, um zur Maximierung des Bruttoinlandprodukts beizutragen. Dabei wird gerade in der Familie die wertvollste Arbeit unserer Gesellschaft geleistet: Erziehung, Pflege von Bedürftigen und gegenseitige Fürsorge. Diese unbezahlte Care-Arbeit ist keine Freizeit, sondern das Fundament unseres Zusammenlebens. Geht dies verloren, muss der Staat mit Steuermitteln in die Bresche springen (zum Beispiel durch Betreuungsangebote).
Das aktuelle Steuersystem würdigt den häuslichen Einsatz, indem es die Ehe als Einheit betrachtet. Die Individualbesteuerung ignoriert diese hausinterne Solidarität und bestraft jene Familienmodelle, in denen ein Partner zugunsten von Erziehung und Pflege beruflich zurücksteckt. So schwächt diese Initiative den sozialen Zusammenhalt. Das Destruktive zeigt sich auch in anderen Bereichen: 1,7 Millionen zusätzliche Steuererklärungen wären die Folge. Zusätzliche Steuerbeamte müssten eingestellt werden – mit jährlichen Mehrkosten von Hunderten Millionen Franken!
Wer mit Steuergeldern verantwortlich umgehen und die Erziehungs- und Pflegearbeit in der Familie wertschätzen will, der sollte hier NEIN stimmen.
ANDREAS SIGRIST. GUNTERSHAUSEN