Den Umgang mit dem Schwarzwild lernen
27.03.2025 ElggIn Elgg gibt es seit 2019 ein Schwarzwildgewöhnungsgatter. Dort können Jäger ihre Hunde auf deren Aufgaben bei der Jagd vorbereiten. Betrieben wird es vom Verein SWGG.
Elf Wildsauen wohnen hier das ganze Jahr über. Der Verein SWGG betreibt im Elgger ...
In Elgg gibt es seit 2019 ein Schwarzwildgewöhnungsgatter. Dort können Jäger ihre Hunde auf deren Aufgaben bei der Jagd vorbereiten. Betrieben wird es vom Verein SWGG.
Elf Wildsauen wohnen hier das ganze Jahr über. Der Verein SWGG betreibt im Elgger Gemeindewald das einzige Schwarzwildgewöhnungsgatter in der Schweiz. Es ist sechs Hektaren gross und in vier Gatter unterteilt. Die Sauen leben hier auf grosser Fläche, haben Abwechslung, einen Unterstand, Wasser, um sich zu suhlen und zu trinken und sie werden artgerecht gefüttert. Erstellt hat die Anlage der Kanton Zürich. Um die Tiere kümmert sich Landwirt und Gatter-Betriebsleiter Jonas Küpfer aus Heurüti. Insgesamt 18 ausgebildete Gattermeister betreuen hier Übungen für Jäger mit ihren Hunden, damit diese den richtigen Umgang mit den Wildschweinen lernen. «Wir haben gute Synergien», sagt Gattermeister-Chef Jürg Rengel. Einzig die Forstarbeiten seien etwas aufwändiger, ansonsten bleibe die Waldbewirtschaftung gleich.
Über die Website des SWGG können sich Hundeführer – zugelassen sind ausschliesslich ausgebildete Jäger mit Jagdhunden – für Übungen anmelden. Diese werden dann je nach Anzahl Anmeldungen von einem (bis 4 Teilnehmende) oder zwei Gattermeistern (bis 10 Teilnehmende) durchgeführt. 600 bis 700 davon führt der Verein pro Saison durch, die von Anfang März bis Ende Oktober dauert. Dies jeweils am Dienstag- oder Freitagnachmittag sowie am Samstagvormittag. Im Winter ist Pause für die Elgger Wildschweine. Die Jäger seien dann ohnehin mit der Jagd beschäftigt, so Rengel.
Schweisshund oder Stöberhund
Zu Beginn eines Kurses werden in einem Theorieraum in der Scheune des Hofes Fragen zum Ausbildungsstand und zum Alter der Hunde und zu den Erwartungen der Hundeführer geklärt, sowie die Kontrolle der Impfausweise der Hunde durchgeführt. Die Übungen würden auf den jeweiligen Ausbildungsstand der Hunde ausgerichtet. Wichtig sei auch, wofür ein Hund später eingesetzt werde, ob als Schweisshund zur Nachsuche von verletztem Wild oder aber als Stöberhund, um die Tiere bei der Gesellschafts- beziehungsweise Bewegungsjagd aufzutreiben, erklärt der Gattermeister-Chef. «Vor allem die Stöberhunde sind freier und treffen allein aufs Wild und müssen entsprechend darauf vorbereitet sein. Im Schwarzwildgewöhnungsgatter haben sie die Möglichkeit, im kontrollierten Rahmen zu lernen.»
Gewünscht ist ein Hund, der sucht und das Wild stellt, die Sau auch an Ort und Stelle behalten kann, bei einem Angriff aber vorsichtig reagiert und sich schützt, sich dennoch nicht entmutigen lässt. «Wir haben in der Schweiz sehr wenig Zwischenfälle bei der Jagd, bei denen Hunde verletzt werden», sagt Jürg Rengel. «In unserem Gatter hatten wir in fünf Jahren des Betriebs noch keinen einzigen Unfall.» Die Gattermeister sind alle gut ausgebildet (FBA) und kennen sich mit Hunden und dem Schwarzwild aus.
Nach der Theorie geht es mit den Hunden zu den Gattern. An diesem Nachmittag sind es zwei Jäger mit je einem Junghund, die sich angemeldet haben. Zunächst geht es zum Korridor, der nur einige Meter breit ist. Hier ist der Hund – es wird nur mit einem Hund pro Übung gearbeitet – durch einen Zaun von den Sauen getrennt und kann so in einem geschützten Umfeld erste Reaktionen zeigen.
Gewollt ist, dass der Hund Interesse zeigt, vor allem durch Bellen. Mit dem etwa einjährigen Bayerischen Gebirgsschweisshund, der als erster an der Reihe ist, funktioniert das optimal. Die beiden Sauen Zwick und Zwack, die hier den Job des Erstkontaktes übernehmen, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie wohnen im Gatter neben dem Korridor und freuen sich über den Besuch der Gattermeister. Vor allem zu Rengel und Küpfer haben sie eine enge Bindung. «Uns lassen sie jederzeit an sich heran», so der Chef der Gattermeister. Und natürlich freuen sie sich auch über ein Leckerli in Form eines Apfels oder einer Birne. Dazu kommt, dass die im Gewöhnungsgatter lebenden Tiere aus Tierparks stammen, also von Klein auf an Menschen gewöhnt sind.
Wehrhaftes Wild
Für die Hunde ist dieses schrittweise Heranführen ans Schwarzwild wichtig, weil sie korrektes Verhalten antrainieren können. «Denn das Wildschwein ist ein wehrhaftes Wild», erklärt Jürg Rengel, gehe aber dem Ärger grundsätzlich aus dem Weg. «Gleichzeitig ist es sehr sensibel, hört und riecht ausgezeichnet und nimmt Vibrationen vor uns wahr. Nur beim Sehen sind sie ähnlich wie wir Menschen». Auch in der Nacht sähen sie nicht so gut und die Tiere seien eigentlich auch nicht nachtaktiv, dies aber durch den Menschen geworden. «In einer Nacht können sie zig Kilometer zurücklegen». Gefährlich für die Menschen sind die heimischen Wildtiere gemäss Rengel in der Regel nicht. Aufpassen müsse man vor allem, wenn ein Tier verletzt sei und sich bedrängt fühle oder bei einem Muttertier. «Als Waffe setzen die Wildschweine ihre geschliffenen Eckzähne ein, der Keiler mit einer Bewegung von unten nach oben, wodurch er gefährliche Schnittverletzungen zufügen kann, die Bache beisst», so Rengel. Daher tragen die Jäger durchstichfeste Sauenschutzhosen.
Nach dem Korridor wechseln Gattermeister, Jäger und Hund ins Gatter 1. Dort muss der Jagdhund zuerst am langen Riemen das Wild aufstöbern und schliesslich, vom Riemen befreit, in Bewegung bringen. In den drei grösseren Gattern leben je drei Sauen, alles Bachen, wie auch Zwick und Zwack, das grösste Gatter ist 2.5 Hektaren, die kleineren 1,5 Hektaren gross. Nach aussen zum Weg hin sind die Gatter mit einem Doppelzaun abgegrenzt, im Wartebereich für die Jäger sind sie zusätzlich mit einem Sichtschutz versehen.
Sehr gute Arbeit
Der Bayerische Gebirgsschweisshund macht seine Arbeit heute vorbildlich. Am Schluss wird der Gattermeister dem Jäger die Empfehlung für den Nachsuche-Nachweis geben. Der Hund zeigt Jagdtrieb, spürt die Sauen auf, verbellt sie. «Der Hund ist jetzt im Tunnel, sieht nur noch das Wild», erklärt Rengel, als der Abruf erst durch die Nähe des Hundeführers klappt. Nach 15 bis 20 Minuten ist die Übung beendet, der Hund wieder an der Leine. Die Wildschweine haben sich schnell beruhigt. «Durch Cortisol-Messungen konnte man beweisen, dass sie nicht besonders gestresst sind durch die Übungen», erklärt der Gattermeister-Chef.
Der Gattermeister, der die Übung durchgeführt hat, geht nun zur Nachbearbeitung mit dem Jäger über, bespricht mit ihm den Ablauf. «Der Hund hat gelernt, dass die Wildschweine wehrhaft sein können und dass er nicht kopflos handeln darf», fasst Jürg Rengel zusammen. «Er hat sehr gut gearbeitet.» Draussen wartet der zweite Jäger mit einem jungen Weimaraner.
BETTINA STICHER
Schwarzwild
Sie können grossen Schaden anrichten in der Landwirtschaft und vermehren sich schnell. Um den Bestand in einem gesunden Mass zu halten, werden Wildschweine beziehungsweise Schwarzwild aktiv bejagt. «Ihre jährliche Reproduktion kann bis zu 300 Prozent des Bestandes liegen», erklärt Jürg Rengel vom Schwarzwildgewöhnungsgatter Elgg. Nachwuchs gibt es in der Regel ein Mal im Jahr, pro Bache sind es vier bis acht Frischlinge. Mit eineinhalb bis zwei Jahren suchen die Jungtiere ein eigenes Revier. Angeführt werden die Rotten von einer Leitbache. «Wildschweine sind intelligente Familientiere», so Rengel. Als begrenzend für den Bestand wirke neben Krankheiten und den Jägern, deren Auftrag gesetzlich streng geregelt ist, bis zu einem gewissen Grad noch die Zersiedelung, erklärt er.
Jagd auf Schwarzwild, auch Treiboder Bewegungsjagd, ist gemäss dem kantonalen Jagdverordnung im Kanton Zürich von Anfang Oktober bis Ende Februar erlaubt. In der Schweiz waren die Tiere einst fast ausgestorben, weil sie sehr intensiv bejagt und ihre Habitate gestört wurden. Seit den 1980-er Jahren haben sie sich aber wieder stark verbreitet. Dazu kommt, dass die Winter milder und dadurch die Futtersuche für die Tiere einfacher geworden ist. Da die Wildschweine sehr anpassungsfähig sind, bedienen sie sich gerne auch am reich gedeckten Tisch der Landwirtschaft.
Das Fleisch der erlegten Sauen wird erst nach einer Trichinenschau (zoonotischer Erreger) zum Verkauf freigegeben. Dies sei bei Allesfressern Pflicht. Bei pflanzenfressenden Wildtieren hingegen genüge eine sachkundige Erklärung des Jägers, erklärt Jürg Rengel. Der Verkauf des Wildschweinfleisches ist im Kanton Zürich ist streng kontrolliert und die Herkunft nachverfolgbar.


