Das Duo Dua mit «Entspannen Sie sich!»
30.04.2026 ElggDie tägliche Ranz und Balz ums allgemeine Wohlgefallen. Die Creme de la Creme wird ins Antlitz gespachtelt. Das morgendliche Schönheitsprozedere verlangt nach der rituellen Opferung des Erstgeborenen. Geschrubbt, geputzt und gepudert noch bevor die hohen Erwartungen an sich selber ...
Die tägliche Ranz und Balz ums allgemeine Wohlgefallen. Die Creme de la Creme wird ins Antlitz gespachtelt. Das morgendliche Schönheitsprozedere verlangt nach der rituellen Opferung des Erstgeborenen. Geschrubbt, geputzt und gepudert noch bevor die hohen Erwartungen an sich selber ungeschminkt implodieren. Mittagssportclimax und das Erfüllen von Umfeld-Erwartungen prägen den Alltag von «Jessica», grad eben 30 geworden. Diesen stereotypen Start in den Tag spielt das Duo Dua – Christina Spaar und Eva Maropoulos – im Wechselbad hingeworfener Worte und leichtfüssiger Choreographie unisono in mitraillierendem Stakkato.
Der Theaterabend der Kulturkommission Elgg war gänzlich ausverkauft. Proppenvoll. Und wer nicht frühzeitig in der Waag Schal warf, ruhte auf den billigen Plätzen. Ranghöchster wurde, wer als letzter kam. Elgg erwartet Duo Dua und die Zwei liefern: Das unausweichliche Geburtstagsfest zum Dreissigsten strauchelt prompt an den Klischees wie wir sie nur zur Genüge kennen. Der geldaffine Vater, der die Anlagestrategie verfolgt haben will, Mutter, die glaubt über den Zeitpunkt ihres Enkelwunsches bestimmen zu können. Der Wiener Lieblingsonkel – weil einziger – der über seine eigenen Zoten stolpert und die influenzenden Freundinnen, die aus oberflächlichen Social Media-Trends – weltgebildet und ungefragt – Rat gegen das drohende Älterwerden erteilen. Die eierlikörnippende Grossmutter bechert mit, und der vierjährige Liam vom Stock darunter bringt seine liebgewonnenen Nacktschnecken in der Hosentasche mit.
Dies alles persiflieren die zwei Künstlerinnen in rasantem Pingpong von Worten und Synchronität der Bewegungen. Darüber hinaus reflektieren die zwei über das Spannungsfeld von Me-Time, Karriere und Kinderkriegen. Das «Oszillieren zwischen Herzinfarkten und Yoga-Retreats».
Aber wie findet man da raus? Aus dem Hamsterrad? Mit Akkupunktur? Reiki-Regeln und mal eben auf die Chakren klatschen? Om?
Als «Knöpflebrüder» lobpreisen die Mädels den Zeitoptimierungskurs und finden damit viel zu weit und viel zu tief in ihre Entspannung. Bis der Wecker wieder scheppert und ein neuer Tag für die Ü30erin gen Gebärdruck und Grube ansteht. Die obligate Gesichtsmassage mit Collagenpulver zum Start in den Tag. Zähneputzen, schminken, anziehen und wieder geht´s raus zu Uni und Nebenjob. Selbstmotiviert führt auch dieser Tag wieder zwangsläufig zum selbstauferlegten Pflichtjoggen. Leistungsdruck – auch gut gemeinter – bringt die Jessica nervlich an den Rand. Prägende Strukturen im Alltag und ein guter Lebens-Rhythmus singen schnippend und stampfend das Duo Dua synchron. Kognitive Herausforderung an vier Hirnhälften. Eskalation auf dem Weg zur Selbstoptimierung – oder ist es doch nur der Weg zu einer strömungsgünstigen, gesellschaftskonformen «Stressica»?
Befreiendes Stöhnen bei der Shiatsumassage liesse auf Linderung der Stresssymptome hoffen, doch führt kein Weg an Herrn Rüdisühli von der Krankenkasse «La-Vie-Est-Belle» vorbei. Die Zusatzversicherung übernähme sowas nicht.
Neuer Plan: Monte Verita-Retreat und New Age-Erfahrung, die eine ganzheitliche Transformation von Bewusstsein, Gesellschaft und Spiritualität anstreben könnte. Und ein paar Pilze werden im Wald oberhalb Asconas wohl auch noch auszubuddeln sein. Was schlussendlich ne krasse Dröhnung schafft. High! – tscheggsch? Denn der Grönlandhai nimmt´s gelassen. Mit 534 Jahren auf der Buckelflosse umschwamm er schon Kolumbus´ Santa Maria und die gekenterte Titanic. Unsere Komödiantinnen torkeln bei der Vorstellung der schieren Weite durch die Geschichtsbücher und irgendwo zwischen Suffragetten und Sahneschnittchen erklimmen sie fingerschnippisch die neuere Vergangenheit mit Hynkels Rede, Erichs Mauer und Jessicas Geburt. Der historische Exkurs zeigt ihnen auf, was man bei alltäglichen Ritualen und der Jagd nach dem Mammon alles verpassen kann. Und Superfood Gerstengras ist dann doch eher für den Arsch und kein denkwürdiges Ereignis.
Verteilt über ein ganzes Jahr haben Eva Maropoulos und Christina Spaar rund 16 Wochen an dem Stück getackert und gelötet. Texte geschrieben, Worte verschoben, geprobt und optimiert. Haben in Fronarbeit Mimik und Bewegungen choreografiert und synchronisiert. Hanspeter Herzog von der Kulturkommission Elgg entdeckte «Entspannen Sie sich!» an dessen Premiere und lud Eva und Christina nach Elgg ein. Für die zwei Künstlerinnen war das Theater zur Waage ein Glücksgriff, steht ihnen bei ihren Gastspielen eine solch tolle Theateratmosphäre ganz oben auf der Wunschliste. Und einen Bonus gab´s obendrauf: Selten dürfen die Schauspielerinnen vor einem Publikum mit so breit gefächertem Altersunterschied spielen wie hier.
BEAT MORELL
Information
Wer auf den 48 Stühlen im Theater zur Waage keinen Platz mehr fand, dem entgeht das Duo Dua trotzdem nicht, spielen sie doch «Entspannen Sie sich!» am 12. August auch an der Winterthurer Musikfestwoche.
www.duodua.com



