Berufe im Fokus: Physiotherapeut Claudius Winter, Aadorf
24.03.2026«Physiotherapie Ist eine Mischung aus fachlıchen, sozialen und persönlichen Fähigkeiten»
Herr Winter, welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man sich für den Beruf Physiotherapeut, Physiotherapeutin entscheidet?
• Interesse ...
«Physiotherapie Ist eine Mischung aus fachlıchen, sozialen und persönlichen Fähigkeiten»
Herr Winter, welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man sich für den Beruf Physiotherapeut, Physiotherapeutin entscheidet?
• Interesse an der Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers und
• Interesse an Bewegung und Gesundheit
• Persönliches Interesse am Menschen und das Arbeiten mit ihnen
• Physiotherapie ist eine Mischung aus fachlichen, sozialen und persönlichen Fähigkeiten.
• Empathie und Einfühlungsvermögen
• Geduld (Fortschritte dauern oft Wochen oder Monate)
• Verantwortungsbewusstsein
Was sind die Erfolgserlebnisse, die Sie als Physiotherapeut haben?
Wenn ein Patient mit Schmerzen oder Einschränkungen kommt, ist es toll, wenn er nach einer oder mehreren Behandlungen schmerzfreier aus der Behandlung geht. Aber oft kommt der Erfolg schrittweise oder wird schrittweise besser, nicht sofort.
Verletzte kann man im Genesungsprozess begleiten und sieht, wie sie sich immer besser im Alltag zurechtfinden oder auch zu ihrem Sport zurückkehren können.
Was gefällt Ihnen an diesem Beruf besonders? Was fasziniert Sie speziell?
• Durch Fortbildungen kann man immer mehr lernen und der «Werkzeugkoffer», aus dem man schöpfen kann, wird immer grösser.
• Der Kontakt zu den Menschen aus allen möglichen Alters- und Bildungsstrukturen empfinde ich persönlich als sehr bereichernd.
• Im Alltag hat man mehr Bewegung und persönliche Kontakte statt Bildschirmzeit.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag in als Physiotherapeut/in aus?
Man muss unterscheiden zwischen dem Alltag in einer Physiopraxis und einem Spital.
Im Allgemeinen sieht der Alltag in der Praxis so aus, dass man zu Arbeitsbeginn die Patienten vorbereitet, dann aber im Halbstundenrhythmus Patienten behandelt. Zwischendurch hat man Zeit, zu dokumentieren und administrative Dinge innerhalb der Praxis zu erledigen.
Im Akutspital behandelt man hauptsächlich frisch operierte Patienten, aber auch akut Kranke.
In einer Reha-Klinik kommt es darauf an, die Patienten wieder so weit zu therapieren, dass sie sich wieder in den Alltag integrieren können.
Der Arbeitsalltag eines Physiotherapeuten ist abwechslungsreich – aber auch körperlich und mental fordernd. Kein Tag ist exakt gleich, weil jeder Patient andere Beschwerden, Ziele und Persönlichkeiten mitbringt.
Dazu kommt der Austausch mit Ärzten und anderen medizinischen Berufsgruppen, was den Beruf noch spannender macht.
Welche besonderen Herausforderungen erleben Sie bei der täglichen Arbeit?
• Der Beruf ist viel vielseitiger, als viele denken – man arbeitet gleichzeitig als Bewegungsexperte, Coach, Motivator, Zuhörer und Problemlöser
• Man braucht klinisches Denken und sucht nach der Ursache der Beschwerden, um nicht nur die Symptome zu behandeln. Das erfordert manchmal Detektivarbeit, weil die Schmerzen oft nicht da entstehen, wo sie sich zeigen.
• Es kann oft stressig sein, aber der Stress fühlt sich sinnvoll an, statt leer, weil man am Ende ein Ergebnis hat.
Was zeichnet eine/n gute/n Physiotherapeut/in aus?
• Viel Empathie, das ist oft wichtiger als Berufserfahrung und Können.
• Zuhören können und Problem erfassen können • Man sucht danach, warum der Patient Schmerzen hat, also nach der Ursache. Nur das ist langfristig erfolgreich.
Welche Rolle spielt der persönliche Kontakt mit Kunden oder Klientinnen in Ihrem Berufsalltag?
Der persönliche Kontakt ist wichtig, um den Patienten, die Patientin ganz erfassen zu können.
Was war bis jetzt ihr interessantester Auftrag?
In der Ausbildung hatte ich mal einen sechzehnjährigen Patienten mit einem Knochentumor (Sarkom) im Oberschenkelknochen. Leider musste dieser Teil des Beines dem Patienten in einer Operation abgenommen werden.
Das Kniegelenk mit dem Knochentumor musste amputiert werden.
Weil der Krebs nicht den Unterschenkel angegriffen hat, hat man den Unterschenkel umgekehrt an den noch vorhandenen Oberschenkel angenäht. Die Wadenmuskulatur wurde an die vordere Oberschenkelmuskulatur angenäht und die hintere Oberschenkelmuskulatur mit der vorderen Muskulatur am Schienbein verbunden. Somit wurde das Fussgelenk zum «Kniegelenk» und die Ferse zum Knie.
Diese Operation nennt man «Umkehrplastik».
Meine Aufgabe als Physio war es, das Gelenk so beweglich zu machen, dass er es gut strecken konnte. Anschliessend bekam der Patient eine Prothese, um die Beindifferenz auszugleichen und das Gehen mit der Prothese zu üben.
Er konnte, zuerst mit, dann ohne Gehstützen und ohne Tumor das Krankenhaus verlassen.
Gab es im Lauf Ihrer Karriere einen unvergesslichen Moment?
Es gibt immer wieder Menschen, die einem ans Herz wachsen.
Ansonsten hatte ich mal das Erlebnis, dass die Narbe einer künstlichen Knieprothese nach vier Wochen in der Therapie aufgerissen ist. Es hat sich dann herausgestellt, dass das nicht meine Schuld war, weil sich unter der Narbe Bakterien gebildet hatten und die Operationswunde unterhalb der Narbe nicht heilen konnte. Die Patientin wurde mit Antibiotika versorgt und nochmal operiert.
So war es eigentlich gut, dass die Narbe während der Therapie aufgegangen ist, sonst wäre es früher oder später im Alltag passiert.
Inwiefern spürt man die Modernisierung und Digitalisierung in Ihrem Beruf?
• Die manuellen Techniken sind im Lauf der Jahre mehr geworden, Übungen sind wichtig, aber das kann der Patient auch allein oder zuhause machen.
• Die Befunderhebung und Dokumentation sind in unserer Praxis digital.
Wie hat sich der Beruf Physiotherapeut/-in in den letzten Jahren sonst noch verändert?
Es scheint immer weniger Physiotherapeuten zu geben. Vor zehn Jahren war es sicher schwieriger, eine Anstellung zu finden. Jetzt werden überall Physios gesucht, egal ob in einer Klinik oder in einer Praxis.
Die Behandlungsmethoden werden immer vielfältiger, was den Beruf zusätzlich interessant macht.
Wieso sollte man sich für eine Ausbildung als
Physiotherapeut/in entscheiden?
• Schön, mit Menschen zu arbeiten
• Schön im Team zu arbeiten
• Sehr abwechslungsreich
• Gute Anstellungschancen
• Möglichkeit der Selbständigkeit
• Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten
BETTINA STICHER

