Aus Idee, Mut und Zusammenarbeit entstand Bleibendes
13.06.2026 AadorfAls Kommissions-Präsident der ersten Stunde hat Paul Rupper die Erfolgsgeschichte der Familienergänzenden Kinderbetreuung (FEKB) massgebend mitgeprägt, so dass Aadorf heute auf ein gut funktionierendes Familienangebot zurückgreifen kann.
b dem 1. Januar dieses Jahres ...
Als Kommissions-Präsident der ersten Stunde hat Paul Rupper die Erfolgsgeschichte der Familienergänzenden Kinderbetreuung (FEKB) massgebend mitgeprägt, so dass Aadorf heute auf ein gut funktionierendes Familienangebot zurückgreifen kann.
b dem 1. Januar dieses Jahres hat sich die Politische Gemeinde und Schulbehörde neu organisiert, die bewährte Zusammenarbeit und gemeinsame Finanzierung für Kitaund Schulergänzende Betreuung SEB bleibt aber weiterhin bestehen. Paul Rupper spricht über die Herausforderungen seiner Präsidialzeit..
Wie sah die Ausgangslage aus, als Sie die Führung der Kommission FEKB angetreten haben? Welche Ziele standen im Fokus?
Paul Rupper: Am 1. Juli 2009 habe ich als völliges Greenhorn in Sachen Kinderbetreuung das Präsidium der FEKB übernommen. Mein damaliger Nachbar war Schulpräsident und meinte, das wäre doch ein kleiner Nebenjob für mich, so eine Sitzung pro Quartal. Je ein Mitglied der schulenaadorf und der Gemeinde Aadorf seien schon gesetzt und würden mich unterstützen. Völlig blauäugig habe ich dieses Amt übernommen. Zu diesem Zeitpunkt gab es die Mittagstische in Ettenhausen und Aadorf sowie die Tagesschule Häuslenen und den Tagesfamilienverein. Unser Budget betrug rund 82’000 Franken, 2025 waren es rund 550’000 Franken. Tendenz weiter steigend. Das Ziel war, die FEKB über die Jahre weiter zu entwickeln.
Gab es Schlüsselmomente oder Wendepunkte in der frühen Geschichte der familienergänzenden Betreuung, die den Kurs massgeblich beeinflusst haben?
Der Beschluss, die Familienergänzende Betreuung Schritt für Schritt auszubauen, war zu diesem Zeitpunkt nicht unumstritten. Es war viel Überzeugungsarbeit notwendig, um mehr Geld für den Ausbau der Betreuungsangebote zu erhalten. Ohne die staatliche finanzielle Förderung aus Bern wäre es nicht möglich gewesen, die Kita aufzubauen. Die «schulenaadorf» stellten uns eine Wohnung zur Verfügung und die Gemeinde sprach ein Budget. Wir drei Kommissionsmitglieder mussten stetig für mehr Mittel kämpfen. Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen nahm kontinuierlich zu. Die Beharrlichkeit zeigte Wirkung und der Ausbau konnte vorangetrieben werden.
Was waren die grössten Herausforderungen in den ersten Jahren?
Die allergrösste Herausforderung war der Aufbau der Kita. Wir waren ein kleines Spurteam und schlossen einen Vertrag mit Frau Z. ab, die Erfahrung mit dem Aufbau einer Kita hatte. Wir hatten die Räumlichkeiten, die Finanzierung und eine Kita-Leiterin. Alles gut? Kurz nach dem Start der Arbeiten teilte uns Frau Z. mit, dass sie ein Burnout habe. Der Arzt habe ihr jegliche Arbeit verboten und den PC dürfe sie nicht mehr öffnen. Voraussichtlich dauere das einige Monate. Und jetzt? Abbruch der Übung oder Ärmel hochkrempeln? Im kleinen Kernteam haben wir alle Reglemente erarbeitet, das Gesuch in Bern mit einem 5-Jahresplan eingereicht, die Kita-Räume den gesetzlichen Anforderungen gemäss umbauen lassen, Personal gesucht etc. Nach sechs Monaten konnten wir die Kita im August 2010 eröffnen. Das war ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten. Und das haben wir in Fronarbeit geleistet.
Haben sich die Bedürfnisse der Familien und Kinder über die Jahre hinweg stark verändert? Wenn ja, wie hat die Kommission darauf reagiert?
Es war von Anfang an klar, dass wir auf die Nachfrage reagieren, also nicht aktiv Werbung machen. Das galt für alle Betreuungsorganisationen. Ab 2010 gab es die Mittagstische in Aadorf, Ettenhausen und Guntershausen, die Tagesschule Häuslenen, den Tagesfamilienverein und die Kita. Weil die jungen Frauen ihren Beruf weiter ausüben wollten, nahm die Nachfrage stetig zu. Einerseits war dies der Zeitgeist und zudem wollte Aadorf als fortschrittliche Gemeinde die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Als Folge konnten wir das Betreuungsangebot zeitlich und räumlich erweitern. Das hatte finanzielle Konsequenzen und wir mussten bei der politischen Gemeinde und den schulenaadorf immer wieder um die Aufstockung der Unterstützungszahlungen ersuchen. Die Betreuung von Kindern ist nie selbsttragend. Jede Gemeinde entscheidet über den Beitrag und die Tarife müssen daran ausgerichtet werden. Wir waren erfolgreich und erhielten zusätzliche Mittel.
Wie haben sich politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung im Laufe der Jahre verändert? Gab es Gesetzesänderungen, die Einfluss auf Ihre Arbeit hatten?
Vor einigen Jahren herrschte etwas Aufbruchstimmung. Die Kitaförderung war politisch ein grosses Thema. Der Bund stellte viel Geld zur Verfügung. Auch wir in Aadorf erhielten nochmals Geld vom Bund. Aber mittlerweile sehen die Bundesfinanzen nicht mehr so toll aus. Nun müssen die Kantone und/ oder Gemeinden einen Grossteil der Kosten tragen. Aber gesellschaftlich ist es heute breit akzeptiert, dass Familien auf Kinderbetreuungs-Angebote zugreifen können.
Welches Projekt oder welche Initiative, die während Ihrer Amtszeit realisiert wurden, hat für Sie am meisten Bedeutung?
Rein persönlich war es der Aufbau der Kita. Im Jahr 2010 habe ich 200 Stunden Fronarbeit in diesen Aufbau investiert. Da ich voll arbeitete und auch in Dorfvereinen aktiv war und bin, war es ein riesiger Kraftakt. Das war nicht einfach und meine Familie musste oft zurückstecken. Ich danke vor allem meiner Frau Imelda, dass sie mir den Rücken freigehalten hat. Sonst hätte ich das nie geschafft!
Wenn Sie jetzt als zurücktretender FEKB-Präsident auf Ihre gesamte Amtszeit zurückblicken, gibt es etwas, was Sie anders gemacht hätten?
Wie bereits erwähnt, gab es keinen grossen Masterplan. Wir haben immer versucht, die Nachfrage zu decken und mit den Finanzen sehr haushälterisch umzugehen. Es sind in allen Betreuungsorganisationen enorm viele Stunden mit keiner oder sehr geringer Entschädigung geleistet worden. Dies war nur möglich, weil es in der Gemeinde Aadorf sehr viele Frauen gab, die sich für eine gute und bezahlbare Kinderbetreuung eingesetzt haben. Hätten wir uns für eine höhere Entschädigung einsetzen sollen? Ja, das wäre fair gewesen und nein, dann hätten die Familien mehr bezahlen müssen. Es wird immer wieder davon geredet, dass die ehrenamtliche Arbeit abnimmt. Das habe ich in all diesen Jahren ganz anders erlebt.
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der FEKB im Allgemeinen? Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für die nächsten Jahre?
Die FEKB ist in geordneter Auflösung begriffen. Mitte 2026 ist dann auch für mich nach 17 Jahren Schluss. Der Umfang der Betreuungen ist im «Milizsystem» nicht mehr erbringbar. Es braucht belastbare Strukturen und auch mehr Betreuungszeiten. Dies auch, weil die Anzahl Kinder und Schüler stetig zunimmt und der Zenit noch nicht erreicht ist. Und wenn beide Elternteile zur Arbeit gehen, muss zum Wohl der Kinder die Schulergänzende Betreuung (SEB) teilweise diese Aufgabe übernehmen. Wer nach Aadorf zieht und nicht auf familiäre Strukturen zurückgreifen kann, braucht andere Betreuungsangebote. Diese werden durch die Gemeinde und den schulenaadorf sichergestellt. Das bringt neue Arbeitsplätze, aber auch Kosten, namentlich für Personal und Infrastruktur. Ich bin zuversichtlich, dass eine Gemeinde mit 10’000 Einwohnern das stemmen und finanzieren kann. Die FEKB war das mit Abstand grösste freiwillige Projekt meines Lebens mit circa 2000 Stunden Arbeit. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Somit konnte ich hoffentlich dazu beitragen, vielen Kindern und Eltern das Leben ein wenig zu vereinfachen. Das war es wert! Zudem habe ich in dieser Zeit viele tolle Menschen kennengelernt. «Was mit einer Idee begann, wurde durch Ausdauer, Mut und Zusammenarbeit zu etwas Bleibendem.»
«Mein grosser Dank gebührt allen, die mich begleitet und tatkräftig in diesen 17 Jahren unterstützt haben. Dazu gehören auch die Gemeinde Aadorf und die «schulenaadorf». Und natürlich meine Frau Imelda, die sehr oft auf meine vielen Termine Rücksicht nehmen musste.»
INTERVIEW: CHRISTINA AVANZINI

