«Als Seelsorger heute ist man Abenteurer»
26.02.2026 Leute aus der RegionBerufe im Fokus: Seelsorger Jürgen Kaesler, Elgg
Jürgen Kaesler ist Gemeindeleiter und Seelsorger in der katholischen Kirche in Elgg. Die Verkündigung der Botschaft Gottes und der Kontakt mit den verschiedensten Menschen steht im Zentrum der Arbeit von ihm und ...
Berufe im Fokus: Seelsorger Jürgen Kaesler, Elgg
Jürgen Kaesler ist Gemeindeleiter und Seelsorger in der katholischen Kirche in Elgg. Die Verkündigung der Botschaft Gottes und der Kontakt mit den verschiedensten Menschen steht im Zentrum der Arbeit von ihm und seinem Team.
Herr Kaesler, welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man sich für den Beruf Seelsorger entscheidet?
Seit Oktober 2024 bin ich Gemeindeleiter in katholisch Elgg und damit so etwas wie «Mann für alles». Es braucht dafür einen nicht geringen Schatz an vielfältigen Erfahrungen im Umgang von Jung bis Alt, um sich hier allein und hauptverantwortlich zurecht finden zu können.
Für Anfänger oder nichtspirituelle Menschen ist diese Stelle nicht geeignet, da sie mit nahrhafter und zum Teil aufreibender Aufbau-Arbeit verbunden ist.
Seelsorger sein ist heute ein Exotenberuf. Aber er ist in der Kirche, aber auch in anderen Systemen wie Psychiatrie, Spital, Sozialinstitutionen durchaus geschätzt. Es ist ein Allrounder-Beruf, der Softskills fordert, aber auch Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, Kreativität und Ausdauer. Ohne körperliche, spirituelle und mentale Gesundheit wird es schwierig. Eine gesunde Ausgeglichenheit, um die Spannungen harmonisieren zu können, die dieser Beruf mit sich bringt, ist nötig. Immer wieder neu Brücken bauen zu können, ist eine Fähigkeit, die vorteilhaft ist.
Was sind die Erfolgserlebnisse, die Sie als Gemeindeleiter haben?
Grundsätzlich ist Erfolg nicht ein Name Gottes, das muss ich einmal vorneweg sagen. Die Kirche ist derzeit nicht gerade die Institution, die gehypt wird. Und doch hat sie sehr viel zu bieten. Sie bietet neben der reichen Tradition auch viel Gestaltungsraum, wie es nur in wenigen Berufen der Fall ist.
Durch meinen interdisziplinären Blick arbeite ich über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus. So war ich es in den Systemen Psychiatrie und Spital immer gewohnt, religionsübergreifend zu arbeiten. Alles andere wäre auch sinnlos gewesen. Es geht nicht um die eigene Religion zuerst, sondern um den Menschen.
Aber andererseits braucht eine Institution wie die Katholische Kirche auch Identität, um nicht im Nirgendwo aufgerieben zu werden. Wer nicht mehr weiss, wer er ist, der endet in der Beliebigkeit.
Schöne Erlebnisse sind zuerst Gespräche mit Menschen.
Zum zweiten: Ansprechende Feiern, nach denen zum Beispiel Tauffamilien sich bedanken, aber auch positive Erlebnisse im Unti mit Kindern sind Erlebnisse, die Freude machen.
Drittens: eine neue Idee, die umgesetzt werden kann, wie zum Beispiel Aktionskunst, die Kinder und Erwachsene erfreut, Hawaii-Toast-Party mit Kindern, lustige Videos auf Instagram usw.
Was gefällt Ihnen an diesem Beruf besonders? Was fasziniert Sie speziell?
Speziell sind es immer die Menschen, die faszinieren, aber auch kulturelle Akzente.
Mir gefällt zudem, dass ich spontane Ideen direkt umsetzen kann. Es braucht hierfür in Elgg – im Unterschied zu anderen Orten – nicht sehr viele Teamsitzungen, um eine Idee zu diskutieren, Pro und Contras abzuwägen und am Schluss dann doch zu verwerfen. Da haben wir im Seelsorgeraum ein gutes Team und ein gutes Miteinander in Elgg.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Gemeindeleiter aus?
Zum Beispiel am Montag gilt es, die neue Woche in Angriff zu nehmen. Meistens sind das dann schon Gedanken über Ablauf und Inhalt der Gottesdienste, die in dieser Woche anstehen. Auch die generelle Planung der Woche, wie zum Beispiel Unti-Stunden etc., gehört dazu.
Daneben gibt es zum Beispiel Besuche, die zu planen sind. Die Mischung zwischen Büro und Draussen ist es, was es für mich lebendig macht.
Welche besonderen Herausforderungen erleben Sie bei der täglichen Arbeit?
Die kirchliche Entwicklung ist nach Corona und den Missbrauchsfällen schwierig, aber nicht hoffnungslos. Es ist grundsätzlich sehr viel Aufbau-Arbeit nötig.
Die Menschen bewegen sich häufig an anderen Orten als in kirchlichen Bezügen. Beispiel: Einige sehr wenige Menschen in Elgg beten noch gemeinsam den Rosenkranz. Dabei ist das Gebet so segensreich, beruhigend und glücksbringend. Aber es wird häufig nur die Monotonie des Herunterleierns gesehen. Doch auch das Meeresrauschen ist monoton und gleichzeitig doch so erholsam für die Seele.
Wie kann Kirche es schaffen, wieder anschlussfähig zu werden? Das ist ein Vabanque-Spiel: einerseits gesellschaftliche Entwicklungen ernst nehmen, aufnehmen, die rasante Entwicklung sehen, andererseits den Markenkern pflegen und wertschätzen, beides ist wichtig.
Was zeichnet einen guten Seelsorger, eine gute Seelsorgerin aus?
Im Grunde genommen ist es eine einzige Sache: Brückenbauer sein zwischen alt und neu, Tradition und Aufbruch, Frust und Ermutigendem, unterschiedlichen Meinungen, Religion und Spiritualität etc. Und das alles auf dem Fundament einer bodenständigen Spiritualität.
Welche Rolle spielt der persönliche Kontakt mit Kunden oder Klienten in Ihrem Berufsalltag?
Der persönliche Kontakt ist in diesem Umfeld wichtig.
Unterschätzt habe ich die Online-Affinität von vielen Menschen. Das versuchen wir durch den neuen Instagram-Account ein wenig aufzufangen. Aber ein engagierter Online-Auftritt bindet viele Ressourcen. Diese sind sehr begrenzt.
Was war bis jetzt ihr interessantester Auftrag?
Nach der Zeit in der Spezialseelsorge wieder in die Allgemeinseelsorge zu gehen, war generell sehr interessant. Sehr interessant ist für mich schon immer gewesen, die Lebenswelt heutiger Menschen aufzunehmen. Ich habe schon 1999 dafür literarisch plädiert, Techno-Musik in die Kirche zu integrieren. 25 Jahre später gibt es hier interessante Entwicklungen. Aber wo Neues angegangen wird, gibt es Jubel und Widerstände, nie nur eines. Doch das ist wiederum auch etwas sehr Vitales und Interessantes.
Gab es im Lauf Ihrer Karriere einen unvergesslichen Moment?
Nicht nur einen: Unvergessliche Momente erlebte ich insbesondere an besonderen Lebenssituationen von Menschen: in der Psychiatrie die Begleitung von traumatisierten Menschen. In meinem Amt als Präsident des appenzellischen Hilfsvereins für psychisch Kranke konnte durch unbürokratische Hilfe manches Mal Leid gelindert werden. Unvergesslich sind Situationen im Zusammenhang mit der Trauerpastoral (Beerdigungen an Kraftorten etc.), aber auch bei der Assistenz von Hochzeiten.
Inwiefern spürt man die Modernisierung und Digitalisierung in Ihrem Beruf?
Wir arbeiten mit anspruchsvollen Tools im Sekretariat. Unser Sekretär Dominik Goldmann, Jahrgang 2001, ist computeraffin. Das macht es leichter, wenn sich jemand mit der Digitalisierung auskennt.
Wie hat sich der Beruf Seelsorger in den letzten Jahren sonst noch verändert?
Durch Corona und Skandale haben sich viele Menschen zurückgezogen. Dies ist nicht kompensiert worden, sondern viele Anbieter haben interessante, aber auch kritische Angebote: Freikirchen, Influencer, Social-Media-Gurus, spirituelle Lehrer, Agnostizismus etc. Die Lücken in den Kirchen sind gross geworden.
Die Kirche soll, so ist mein Wunsch, aus dem Defizit wieder in die Fülle kommen: Denn sie hat einen reichen Schatz und eine lange Tradition. Dies kann Menschen viel Freude und Erfüllung schenken.
Wieso sollte man sich für eine Ausbildung als Seelsorger entscheiden?
Als Seelsorger heute ist man Abenteurer.
Wer sich darauf einlässt, wird nie eine langweilige Arbeit haben, sondern im Gegenteil, es bieten sich viele kreative Möglichkeiten. Das wird in kaum einem anderen Bereich geboten. Als Allrounder lässt man sich auf sich selbst und auf anderen Menschen wahrhaftig ein – das ist und bleibt eine spannende Reise.
BETTINA STICHER

