Als die heile Welt Risse bekam
03.03.2026 ElggMit seinem Soloprogramm «Soft Ice» sorgte Dominik Muheim am Samstag in Elgg für viele Lacher. Das Publikum liess sich vom verworrenen Potpourri aus lebensnahen, komischen, absurden und nachdenklichen Szenen für zwei Stunden aus dem eigenen Alltag entführen.
Er zog ...
Mit seinem Soloprogramm «Soft Ice» sorgte Dominik Muheim am Samstag in Elgg für viele Lacher. Das Publikum liess sich vom verworrenen Potpourri aus lebensnahen, komischen, absurden und nachdenklichen Szenen für zwei Stunden aus dem eigenen Alltag entführen.
Er zog die Zuschauerinnen und Zuschauer von Beginn an in seinen Bann. Mit viel Witz und Schalk in den Augen tritt Dominik Muheim auf die Bühne und legt sofort los. Die Szenerie ist sehr einfach: ein Tisch, eine Tasse, eine Gitarre, die inhaltlich alle noch eine Rolle spielen werden. Raumfüllend sind die Geschichten, die miteinander verwoben werden und von der kleinen, intakten Umgebung einer Kindheit und Jugend im abgelegenen Dorf bis zu einer zerstrittenen Hochzeitsgesellschaft inmitten weltweiter Spannungen einen gekonnten Bogen spannen.
Der Salzburger-Stier-Preisträger verstand es am vergangenen Samstagabend geschickt, sein Publikum immer wieder miteinzubeziehen. In Elgg sei er zwar noch nie gewesen, habe nicht einmal gewusst, dass es das gibt, gesteht er, lobt aber die Kulturkommission für ihr Engagement und die Zuschauer für ihre Aufmerksamkeit.
Heile Welt bröckelt
Das Programm ist in zwei Teile aufgeteilt. In der Pause können sich die Besucher etwas entspannen, bevor es dann so richtig zur Sache geht. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mädchen, eine Art Rote Zora der einstigen Dorfkinderbande, heiratet und hat den Erzähler darum gebeten, die Hochzeitsrede zu halten. Das soll aber geheim bleiben, nur das Publikum wird eingeweiht.
Es folgen Rückblenden in die Vergangenheit, eingebettet in absurde Situationen und gespickt mit vielen Klischees über die heile Welt, die für die Protagonisten erstmals durch die Ankunft der späteren Braut aus dem Dornröschenschlaf aufgerüttelt wird. Situationen wie die Beerdigung einer Wanze als Haustier oder die eindrückliche Fernsehübertragung der ersten Mondlandung von Menschen kommen immer wieder als Running Gags zurück.
Philosophieren über die Welt
Zwischen den Szenen, die er zum Teil pantomimisch ausgestaltet oder für die er für ein passendes Lied zur Gitarre greift, philosophiert der im ländlichen Basel aufgewachsene Muheim über Gott und die Welt und switcht dabei zwischen der guten alten Zeit mit Betty Bossy und Tupperware-Party-Hausfrau, rasenmähendem Ernährer im Einfamilienhausidyll und Klimakrise sowie aktuellen Weltuntergangsszenarien hin und her.
Passend dazu weiss er nicht, ob man besser «Highway to Hell» (AC/DC) oder «Always Look on the Bright Side of Life» (Eric Idle) singen soll. Dass Monty Python («Life of Brian») im Hintergrund in diesem Story-Patchwork eine Rolle spielt, unterstreicht die skeptische Haltung, die sich hinter dem Klamauk und dem verbal bissigen Slapstick-Humor verbirgt. Vor allem im zweiten Teil, als die zerstrittene, polarisierte Hochzeitsgesellschaft aus dem Ruder läuft, werden die Ausdrü- cke derber und schneller, Konflikte rabiat ausgetragen. Analogien dürfen gedacht werden.
«Die Ausserirdischen, die die Reste unserer Erde finden, hätten Freude daran, wie wir kämpften, es aber nicht mehr im Griff hatten», sagt Dominik, der Erzähler der Hochzeitskomödie. Mit bei den Fundstücken: eine Flasche mit Deckel, die man nicht trennen kann. Muheim bemüht sich, neutral zu bleiben. Ihm obliegt die Rolle als friedensstiftender Hochzeitsredner, war er doch schon in der Jugendzeit zu zurückhaltend, um die prügelnden Jungs zu trennen, träumte von einer Karriere als Lokal-Gandhi.
Kritischer Optimismus
Auch im zweiten Teil kommen immer wieder Rückblenden mit Anekdoten von früher an die Oberfläche. Der Abfallsack, den der kleine Dominik vom ahnungslosen Vater als Pendant zu seiner eigenen eingebildeten Überflüssigkeit vor die Nase gesetzt bekommt, findet genauso Platz wie Feuerwanze Billy oder der Mond. Der Mann im Mond müsse Hau Iseli heissen und Schweizer sein, gehört in einem Kommentar-Ausschnitt «How easily the man walks …» bei der Armstrong-Mondlandung.
Dass die Braut in der Jugend antibürgerlich und ehefeindlich eingestellt war, versteht sich von selbst. Und auch, dass sie sich heute eine schöne Hochzeit wünscht und sich am Hochzeitsfest mit Wehmut an die alte Kinderbande zurückerinnert. Die Hochzeitsgesellschaft als grosse Bande und: «Was braucht es mehr als echte gegenseitige Liebe?»
Auf dem Bodensee mit der MS Graf Zeppelin findet sich ein kleiner «Zauberberg» wieder, der vom Philosophischen ins Archaische kippt. Und auch die Arche Noah zieht, eingebettet in einen Witz, vorbei. Während einem Stromausfall inmitten von Streitereien, Prügeleien, Chaos, Gespaltenheit und auswegloser Situation versucht sich Muheim als Retter in der Not. Ob er es schafft, wird hier nicht verraten.
Willkommene Inseln
Nur so viel: Es gibt später Hochzeitsfotos, und das Publikum kann zufrieden singen: «Ich wett no eis so eis Softeis». Das Softeis entpuppt sich als eine Art Anker im Sturm. Dominik Muheim entscheidet sich im Kabarettstück immer wieder dafür, das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen. Optimismus pur, allerdings auch dieser kritisch hinterfragt und empfindlich gestört durch die unüberschaubaren Ereignisse.
Es ist nicht einfach auf der Erde gerade, aber ein netter Kabarettabend im Schulhaus Ritschberg und ein süsses Eis sind willkommene Inseln in einer anstrengenden Zeit.
BETTINA STICHER

