Aller Anfang ist schwer – Einblicke in zwei Deutschkurse
10.01.2026 ElggIn den Anfängerkursen der Gemeinde für Deutsch lernen Migrantinnen und Geflüchtete nicht nur Grammatik und Aussprache, Bunte Kärtchen, Strichzeichnungen auf dem Whiteboard und ein Würfelspiel: Was nach einer lockeren Schulstunde aussieht, ist für die ...
In den Anfängerkursen der Gemeinde für Deutsch lernen Migrantinnen und Geflüchtete nicht nur Grammatik und Aussprache, Bunte Kärtchen, Strichzeichnungen auf dem Whiteboard und ein Würfelspiel: Was nach einer lockeren Schulstunde aussieht, ist für die Schülerinnen und Schüler mit intensiver Arbeit und viel Konzentration verbunden. In zwei Kursen auf verschiedenen (Anfänger-)Niveaus lernen sie unsere Sprache. Ausgeschrieben werden die Semesterkurse durch die Sozialbehörde der Gemeinde, der Schulraum ist im Reformierten Kirchgemeindehaus, Lehrperson ist Stephanie Hugentobler.
Auf der Anmeldung ist als Anforderung angegeben «Für Personen mit wenig Deutschkenntnissen. Voraussetzung ist die Alphabetisierung.» Wer den Kurs auf dem Eingsteigerniveau A1.1 absolviert hat, tritt auf Wunsch das Fortsetzungsmodul A1.2 an; weiterführende Kurse müssen extern besucht werden. Für eine kostenlose Kinderbetreuung während des zweistündigen Unterrichts ist gesorgt.
Ein Besuch in beiden Gruppen rief der Schreibenden einmal mehr in Erinnerung, wie schwierig Deutsch eigentlich ist – und durch wie viele Ausnahmen geprägt. Kaum haben sich die Teilnehmenden eine Regel verinnerlicht und wenden sie konsequent an, wartet auf dem nächsten Kärtchen bereits die erste Ausnahme, gefolgt von der nächsten und übernächsten, was die Schülerinnen fast verzweifeln lässt.
Lieber langsam, dafür gut verständlich
Es ist jedoch nicht nur der geschriebene Singular in männlicher oder weiblicher Form, der zugehörige bestimmte oder unbestimmte Artikel, der den Lernenden Mühe bereitet. Auch die Aussprache stellt eine grosse Herausforderung dar. Warum sagen wir «Et-u-i» und nicht «Etü»? Warum schreibt man «Clown» und «Coiffeur» und spricht es dann «Klaun» und «Guafför» aus? Und wie soll jemand, der Mühe hat, «st», «ch» oder «sch» sauber zu unterscheiden, akustisch den Unterschied zwischen «Abfall» und «Apfel» erkennen? Den Frauen im Anfängerkurs A1.1 scheint der Kopf zu rauchen. Sie stammen aus der Türkei, Italien, Spanien, Eritrea und Kolumbien und besuchen den Kurs, weil sie sich besser integrieren möchten. Sie erzählen von ihren Kindern, die teilweise die Schule in Elgg besuchen – sie möchten mit ihnen Deutsch sprechen und ihnen bei den Hausaufgaben helfen können oder sich einfach in ihrem Umfeld gut verständigen können. Indira aus Kolumbien erwähnt, dass sie erst seit einigen Monaten in der Schweiz ist. Sie lernt sehr fleissig Wörter und ist stark im Diktat; die Aussprache stellt jedoch noch eine ziemliche Hürde dar, an der sie intensiv arbeitet. «Es ist toll, dass sie im Schreiben Erfolgserlebnisse hat, das motiviert sie ungemein», freut sich Stephanie Hugentobler.
Im Unterricht unterstützen sich die Frauen gegenseitig. Sie lachen miteinander und pflegen einen freundschaftlichen Umgang. «Manchmal unternehmen sie auch privat etwas zusammen, das freut mich sehr. Ihr einziger gemeinsamer Nenner ist dann je nach Konstellation Hochdeutsch – um sich zu verstehen, müssen sie in unserer Sprache kommunizieren.» Die Philosophie, die Hugentobler im Unterricht verfolgt, lautet: lieber langsam, dafür exakt. «Es nützt nichts, wenn ich stur das Lehrbuch durchpauke und die Theorie sitzt, aber niemand versteht, was meine Schützlinge sagen möchten.»
Sprache folgt selten einer einfachen Logik
Die grössere Gruppe – unter ihnen Geflüchtete aus der Ukraine - beschäftigte sich tags darauf mit weiblichen und männlichen Berufsbezeichnungen in Ein- und Mehrzahl. Auch hier wartet Deutsch mit zahlreichen Unregelmässigkeiten und schwierigen Aussprachen auf, wie beispielsweise «Pflegefachmann, Mechatroniker oder Altenbetreuer.» Die weibliche Form von Hausmann ist leider nicht Hausmännin und im Plural Hausmänninnen – sonst wäre es am Ende noch einfach.
Zur Auflockerung liegt jeweils ein Würfelspiel bereit, ähnlich dem bekannten «Leiterlispiel». Gewürfelt wird dabei mit zwei Würfeln: Der erste markiert die Zahl, die gefahren wird, der zweite die Person, in der das Verb, das auf dem Feld steht, konjugiert werden muss. Landet der Spieler auf einem Ausrufezeichen, darf selbst ein Wort gewählt werden, beim Fragenzeichen bestimmen die Mitspielerinnen, welches Verb zum Einsatz kommt.
In dieser Lektion ging es lebhaft zu und her – wer zuerst das Ziel erreichte, wurde mit Schoggi oder einem «Zältli» belohnt. Ein Einsatz, für den es sich anzustrengen lohnt, ein kleiner Zuckerschub, der Hirn und Laune auf Trab bringt.
Nach zwei Stunden war Schluss. Stephanie Hugentobler entliess ihre Schülerinnen und Schüler mit Hausaufgaben und Festtagswünschen in die Weihnachtsferien. «Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Alles Gute. Inshallah!» wirbelte durcheinander – fröhliches Babylon nach dem Deutschunterricht.
MARIANNE BURGENER
Die nächsten Deutschkurse der Gemeinde:
Niveau A 1.1: 11. Februar bis 10. Juli 2026 (36 Vormittage)
Niveau A1.2: 12. Februar bis 9. Juli 2026 (33 Vormittage)


