Äs leers Härz – guet g‘füllt
28.02.2026Ganz ehrlich – ich wusste vor ein paar Tagen noch nicht, was ich diesen Monat schreiben soll, zu bizarr war die Situation. Mein Vater lag im Sterben. Wie soll man da etwas Sinnvolles, Erheiterndes oder Ermutigendes schreiben?
Heute, am 11.Februar, hat mein Vater sich aus dem Staub ...
Ganz ehrlich – ich wusste vor ein paar Tagen noch nicht, was ich diesen Monat schreiben soll, zu bizarr war die Situation. Mein Vater lag im Sterben. Wie soll man da etwas Sinnvolles, Erheiterndes oder Ermutigendes schreiben?
Heute, am 11.Februar, hat mein Vater sich aus dem Staub gemacht, klammheimlich, als kurzzeitig niemand im Zimmer war. Damit hat er viele leere Herzen hinterlassen. Ich habe mich seit Langem auf diesen Moment vorbereitet. In Form eines Gedichtes, das am 90. Geburtstag meiner Mutter vollendet wurde – wäre sie denn so alt geworden.
Bin einfach froh, dass ich diese Reime, die 2024 von einem Voice-Artisten professionell eingesprochen wurden, meinem Vater noch am Abend vor seinem Ableben vorspielen durfte. Er zeigte dabei Regung, obwohl sonst schon ganz apathisch. Ein sehr bewegender Moment.
Er war mein Vater, er war mein Ursprung Er zog mich auf in strenger Ordnung. Mit Liebe, Güte und Fürsorgen, mit Denken und Handeln für Heut und Morgen. Als Kleiner himmelte ich ihn stets an, wollt’ werden wir er – halt ein Mann! Und ich glaube fast, er hat‘s geschafft. Denn ich, so scheint‘s, ich hab’s gerafft.
Er war mein Vater, er war mein Freund, doch manchmal waren wir uns spinnefeind. Damals in meinem Jung-Erwachsenenalter, als er nichts Anderes war als «Mein Alter!» Keine Geduld zeigte, oh, wie ich sein Blinzeln hasste, und ich vor seiner Schelte vor Wut erblasste, nicht wusste, was sagen, nicht verstand, was er meint. Doch er blieb mein Vater – und er blieb mein Freund!
Er war mein Vater, er war mein Held, nicht immer für Alles in meinem Umfeld. Doch traf er Entscheidungen meist autonom, als Vater, Berater und als Gastronom, wovon seine Umgebung oft profitierte und er sich ein Stück weit auch profilierte, in Ettenhausen, Wittenwil oder sonst wo in der Welt Mein Vater ist und bleibt mein Held!
Er war mein Vater, er war mein Sponsor! Sein Gutverdienen: ein Plus, ein Faktor, der mir ermöglichte, sein Haus zu erwerben. In bester Übereinkunft mit den anderen Erben. Vieles am Haus verändert: «Nichts bleibt, wie es war!» Ein bisschen Trotz wars, das ist mir heute klar. Doch wäre nicht seine Grosszügigkeit gewesen. Heut’ wäre ich zur Miete – mit Wucherzinsen und Spesen. Er war mein Vater, er wurde gebrechlich. Anfangs nur in seinem Körper schwächlich. Er brauchte Hilfe und forderte sie auch ein. Es war nicht einfach, vor Allem für ihn allein. Er hatte sein Leben nie alleine gefristet, hatte viele Freunde - treu oder befristet. Wir Kinder konnten die Leere nur teilweise ersetzen. Es war alles so schwer für uns einzuschätzen!
So war er – unser Vater – mit Haut und Haar! Ein Wanzenried halt – das ist mir nun klar! Jetzt ist er nicht mehr – ist von uns gegangen. Manchmal wars mühsam – und doch: Das Verlangen, mit ihm zu plaudern, ein Glas Wein zu trinken, in gute Gespräche mit ihm zu versinken, wird bleiben –und eine grosse Dankbarkeit, Ihn Vater genannt zu haben – in Freud und Leid!
Das leere Herz zeigt sich mir oftmals abends. Meine Liebste hat mir zur Fertigstellung unseres Cheminées im Wohnzimmer ein metallenes Herz geschenkt, gefüllt mit Anfeuerholz. Manchmal ist es leer, weil der Inhalt zweckbestimmt aufgebraucht worden ist. Dann wirkt es nutzlos, sinnlos. Befüllt jedoch ein Hingucker.
Ist es nicht genauso mit meinem leeren Herz, nach dem Tod meiner Eltern? Wenn ich mich nur auf den Verlust, auf die gähnende Leere, konzentriere, erkenne ich keinen Sinn. Wenn ich mich hingegen daran erinnere, wieviel Gutes sie in mein Leben gelegt haben und wieviel Gutes ich nun selber an die Generation nach mir weitergeben kann, dann füllt sich mein Herz mit Anfeuerholz der Dankbarkeit, der Liebe zu zwei Menschen, die, selbst nicht fehlerlos, nicht besser hätten sein können.
In Freud und Leid.
STEFAN WANZENRIED
FEDERDIRIGENT.CH
Die gesprochene Version des Gedichts ist abrufbar unter: https://federdirigent.ch/meinvater



