Aadorf als Knotenpunkt des Eisenbahnverkehrs
27.01.2026 AadorfAls vor rund 120 Jahren der private Eisenbahnbau in seiner Blüte stand, waren in und um Aadorf grosse Studien mit Trassenbeschrieben, Karten und Kostenschätzung projektiert.
Seit 15. Oktober 1855 verkehren fahrplanmässig täglich in beiden Richtungen je drei Personen- ...
Als vor rund 120 Jahren der private Eisenbahnbau in seiner Blüte stand, waren in und um Aadorf grosse Studien mit Trassenbeschrieben, Karten und Kostenschätzung projektiert.
Seit 15. Oktober 1855 verkehren fahrplanmässig täglich in beiden Richtungen je drei Personen- und Güterzüge auf der Strecke Winterthur – Wil. Für die Konzessionserteilung der privat finanzierten Eisenbahnen waren damals die Kantone zuständig. Um 1900 war der motorisierte Autoverkehr kaum existent. Es war die Zeit der Stickereien.
1898 beauftragte der Thurgauer Regierungsrat Emil Züblin mit einem «Gutachten über die Erweiterung und den späteren Ausbau des thurgauischen Eisenbahnnetzes». Die Bahnen ermöglichten der Bevölkerung eine bisher unvorstellbare Mobilität. Der Wirtschaft einen immer regeren Warenverkehr. Nach Fertigstellung der beiden Ost-West Transversalen Winterthur – Frauenfeld – Romanshorn und Winterthur – Wil – St. Gallen stellte sich bei den visionären Planern bald die Frage nach Querverbindungen und Anschlusslinien.
Bahnstudie Aadorf – Frauenfeld
Oberingenieur Züblin beantragte Aadorf als Ausgangspunkt für neue Bahnstrecken. Dies zu einer Zeit als die Dampfzüge von vielen als «Teufelszeug» verschrien war. Man sah darin eine grosse Brandgefahr für damals vorwiegend aus Holz gebauten Häusern. Geplant waren unter anderem Bahnen nach Frauenfeld und Turbenthal. Für die Linie Frauenfeld sah man eine gerade Strecke nach Häuslenen vor. Dort weiter in mehreren Kurven via Gerlikon, Oberwil bis zur Kantonshauptstadt Frauenfeld. Für diese 12.76 km lange Strecke waren 1,6 Mio. Franken veranschlagt.
Aadorf – Ettenhausen – Bichelsee
Für die topografisch anspruchsvolle Strecke Aadorf zum Bichelsee mit späterem Anschluss an eine ebenfalls geplante Strecke Wil – Bichelsee – Turbenthal lag folgender Plan zu Grunde. Ab Bahnhof Aadorf in einer Rechtskurve nach Ettenhausen; dort zwischen Dorf und Brandfohre zur Kantonsgrenze TG/ZH, wo eine Station geplant war. Durchquerung des Blankenmooses und nach einer Linkskurve zur Tiefenau. Von hier mittels einer circa 50m langen Fachwerkbrücke über den Tobelbach. Weiter mittels einem 420m langen Tunnel unter dem Rüetschberg nach Bichelsee, wo südlich des Sees ein Bahnhof geplant war. Wäre dies Verwirklicht worden, könnte man heute mit der Bahn zum Baden fahren. Für dieses Projekt über 6,81 Kilometer waren Kosten von 1,4 Mio. Franken veranschlagt
Lauchetalbahn
Vorerst Trassebenutzung der Linie Aadorf – Frauenfeld. Dann in einer grossen Rechtskurve Abzweigung Richtung Weiern via Matzingen, Stettfurt, Lommis bis Affeltrangen mit Anschluss an die bestehende Linie Weinfelden – Wil. Mit Ausnahme von Weiern waren an allen anderen Standorten Bahnhöfe geplant. Dank der günstigen Topographie wären für diese 5,37 Kilometer lediglich Fr. 673‘000.00 angefallen.
Warum es nur bei Studien blieb
Wie heute noch vielfach der Fall lag es primär an den Finanzen. Noch 1889 und 1893 lehnten die Thurgauer die staatliche Übernahme von privaten Eisenbahnen ab. Erst nach einer denkwürdigen Abstimmung vom 20. Februar 1998 wurde schweizweit der Übernahme fast aller Privatbahnen zum Eigentum und Unterhalt zugestimmt. Mit 68 Prozent Ja (TG 89 %). Damit war Subventionierung kein Thema mehr.
Unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg (1914 – 1918) nahm der motorisierte Strassenverkehr rasant zu. Dies veranlasste den Bund künftig vermehrt grosse Finanzmittel für den Ausbau des Strassennetzes zu investieren. Züblin erkannte die zunehmenden Verkehrsbedürfnisse. Gepaart mit der gleichzeitigen Wirtschaftskrise verschwanden dadurch die visionären Bahnprojekte für immer in der Schublade.
Es darf bemerkt werden, dass einige der geplanten Bahnstrecken heute mittels Postauto bedient werden. So zum Beispiel Aadorf – Frauenfeld und Hinterthurgau – Turbenthal.
KURT HEIDER



