770 Kilometer zu Fuss – und der Kopf wurde wieder frei
13.06.2026 Region, Leute aus der RegionDer in Elgg aufgewachsene Daniel Eicher wanderte im Mai auf dem Jakobsweg von Wien nach Hause – allein, mit leichtem Gepäck und ohne festes Programm. Ein Gespräch über Blasen, Begegnungen und das Innehalten.
Einen Monat lang laufen. Jeden Tag. Durch Österreich, ...
Der in Elgg aufgewachsene Daniel Eicher wanderte im Mai auf dem Jakobsweg von Wien nach Hause – allein, mit leichtem Gepäck und ohne festes Programm. Ein Gespräch über Blasen, Begegnungen und das Innehalten.
Einen Monat lang laufen. Jeden Tag. Durch Österreich, vorbei an der Donau, den Arlbergpass und durch stille Dörfer – bis man schliesslich in der Schweiz, Lienz (SG) ankommt. Was für viele nach Strapazen klingt, war für Daniel Eicher (heute wohnhaft in Märwil, Thurgau) ein bewusstes Geschenk an sich selbst. Der 57-jährige Postbote brach im Mai auf, fuhr mit dem Zug nach Wien und wanderte auf dem Jakobsweg zurück in die Heimat. 770 Kilometer in 28 Tagen, im Schnitt 27.5 Km. Pro Tag. Drei Ruhetage.
Die Idee kam nicht über Nacht. Schon seit Jahren wandert Daniel Eicher regelmässig – Nachtwanderungen, längere Touren in den Bergen, wöchentliche Runden durch das Thurtal. Doch der eigentliche Anstoss kam durch ein Buch: «Ich bin dann mal weg» des deutschen Schauspielers Hape Kerkeling. «Er hat den Jakobsweg gemacht, 800 Kilometer, und das hat mich wirklich inspiriert», erzählt Eicher. «Auf dieser Distanz kommt man geistig in eine Ruhe, die man im Alltag kaum kennt.»
Auch sein Vater Xaver Eicher, ein leidenschaftlicher Langstreckenläufer aus Elgg, hatte den Samen früh gelegt. Er absolvierte 100-Kilometer-Läufe und Waffenläufe noch in den 1980er-Jahren. «Von ihm habe ich diese Leidenschaft für lange Strecken geerbt», sagt Daniel Eicher. Sein Vater ist 2018 verstorben – im selben Jahr, in dem Daniel zum ersten Mal den Vierwaldstättersee umrundete und merkte: Das kann ich. Das will ich.
Wien als Startpunkt – Österreich als Erlebnis
Warum Wien? Eicher wollte Abstand – von der Jakobsweg-Hauptroute durch Frankreich und Spanien, wo Gruppen und Touristen den Weg prägen. Er suchte Ruhe und Weite und musste sich entscheiden: Küstenweg mit Meer und Klippen, oder Binnenland. Die Wahl fiel auf die Donau – und auf Österreich. «Ich wollte einfach laufen, die Donau entlang und durch die österreichische Kulturlandschaft.» Österreich hat ihn positiv überrascht: freundliche Menschen, reiche Geschichte, gepflegte Infrastruktur.
Geplant hatte er die Reise in einem Monat: 1. Mai bis 1. Juni. Vier Hotels buchte er im Voraus, den Rest spontan, jeweils am Abend für die nächste Nacht. «Eine gute Übernachtung ist wichtig. Wenn der Körper sich nicht erholt, schleppt man sich nur noch vorwärts.» Beim Gepäck hielt er sich konsequent zurück: drei Unterhosen, drei T-Shirts, drei Paar Socken, Regen- und Windjacke, Notfallapotheke, Hygieneartikel, eine Rettungsdecke für den Notfall – und ein Poncho. Das Gesamtgewicht: 7,2 Kilogramm, plus Trinkwasser.
Blasen, Kühe und ein geschwollenes Knie
Nicht alles lief glatt. Die ersten Tage brachten Blasen an den Füssen – «wenn man abends die Socken auszieht und die Schäden sieht, braucht man Nerven», lacht Eicher. Mit doppelten Pflastern und Creme liess sich das in den Griff kriegen. Als es schlimmer wurde, kaufte er in Melk an der Donau Sandalen und leichte Trekkingschuhe – und lief damit weiter. Eine frühere Erfahrung auf dem Lukmanier hatte ihn gelehrt, was passiert, wenn man keine Ruhetage einplant: geschwollene Knie, Muskelkater ohne Ende. Auf dieser Tour hielt er sich konsequent daran.
Auch der Begegnung mit Kühen auf der Weide lernte er Respekt zu zollen: «Bei Mutterkühen immer aussen herumgehen – das ist keine Kleinigkeit.» Und in Innsbruck erlebte er eine österreichische Besonderheit: Am Samstagnachmittag heult die Alarmsirene – ein Test, den man als Fremder erst einordnen muss.
Wer etwas Ähnliches plant, dem rät Eicher: nicht zu gross einsteigen. «Viele hören nach zwei, drei Tagen auf. Besser zuerst eine Woche planen, dann längere Etappen.» Und: lieber eine Pause einlegen, bevor man zu müde wird. «Man weiss nie, was einen erwartet – vielleicht ein steiler Berg oder viele Höhenmeter. Wer seine Energie nicht richtig einteilt, riskiert, gar nicht anzukommen.» Er selbst musste das lernen: Am Anfang wollte er nicht aufgeben, bis er merkte, dass Auf-den-Körper-Hören keine Schwäche ist – sondern die wichtigste Strategie.
Begegnungen, die bleiben
Was Eicher am meisten in Erinnerung bleibt, sind die spontanen Begegnungen: Menschen, die ihn auf dem Weg ansprechen, fragen, woher er kommt und wohin er will. Für eineinhalb Tage mit einem Pilgerfreund unterwegs, der vor Jahren in drei Monaten von München nach Santiago de Compostela gelaufen ist. Beim Vorbeigehen half er und sein Kollege einer Frau mit schwerem Gepäck aus dem Bus auszusteigen, während andere einfach zuschauten. «Man achtet auf solche Dinge viel mehr, wenn man wochenlang allein unterwegs ist», sagt er. «Man kommt ins Selbstgespräch – und das ist eigentlich ganz normal und gut so.»
Ein besonderer Moment wartet am Ende jeder Etappe: An offiziellen Stempelstellen entlang des Jakobswegs können Pilger ihren Pilgerausweis abstempeln lassen – ein stilles Ritual, das den zurückgelegten Weg sichtbar macht und am Schluss mit Stolz abgeschlossen werden kann.
Am Ende der Reise, beim letzten Abschnitt in der Schweiz, überkam ihn plötzlich eine unerwartete Emotion: Er weinte – ohne besonderen Grund. «Einfach so. Der Körper und die Seele lassen los.» Seit einer Woche ist er wieder am Arbeiten. Die Wirkung der Reise, sagt er, verblasst mit der Zeit – «man fällt wieder in den alten Rhythmus» – aber der Blick auf das Wesentliche schärft sich. Zumindest für eine Weile.
Drei Worte für 770 Kilometer
Wie beschreibt man eine solche Reise? Daniel Eicher braucht nicht lange: «Beruhigend. Bestätigend. Stärkend.» Seine Frau und erwachsenen Kinder sind keine Langstreckenläufer - sie waren nicht dabei, aber immer auf dem aktuellsten Stand: Regelmässig haben sie per WhatsApp kommuniziert. Einen weiteren langen Weg hat er bereits im Blick: den Jakobsweg von Zwickau nach Konstanz. Santiago de Compostela lockt ihn weniger – «zu viele Gruppen». Die Ruhe der Strecke, die Distanz, die Stille: das ist es, was Daniel Eicher sucht. Und findet.
Mittlerweile ist der Langstreckenläufer längst wieder im Alltag angekommen – doch die Erinnerung an den Jakobsweg bleibt präsent. Einmal, manchmal zweimal pro Woche trainiert er: die Runde von Märwil über Weinfelden, Stelzenhof, Ottoberg und via Amlikon zurück, rund 25 Kilometer. Eine Strecke, die er mit Herzblut und Freude geht. Der Weg als Gewohnheit. Die Stille als Kraftquelle. «Distanz und Ruhe für sich – das ist das Wichtigste. Und auf den Körper hören, bevor er einen zwingt, es zu tun», meint Daniel Eicher.
EMANUELA MANZARI
Gut vorbereitet auf langen Wegen
Wer einen langen Pilgerweg plant – sei es den Jakobsweg, den Bodensee-Rhein-Weg oder eine andere Mehrtages-Wanderung – sollte einige Grundregeln beherzigen:
Schuhe: Trekkingschuhe statt schwerer Wanderstiefel – leichter, weniger Blasen, besser für lange Tagesetappen.
Gepäck: So wenig wie möglich. 7 bis 8 kg sind ein realistisches Ziel. Jedes überflüssige Kilo zermürbt die Gelenke.
Blasenvorbeugung: Füsse vor der Tour mit Creme pflegen, Doppelpflaster frühzeitig einsetzen, atmungsaktive Socken tragen.
Ruhetage einplanen: Mindestens alle vier bis fünf Tage eine Pause. Der Körper braucht Zeit, sich zu setzen – nicht durchzubeissen.
Wasser: Unterwegs regelmässig an Brunnen auffüllen. Leichte 5-dl-PET-Flaschen sind praktischer als schwere Trinkblasen.
Einstieg: Wer noch keine Langstreckenerfahrung hat, beginnt mit einer Wochenroute. Nach ein paar Tagen zeigt sich entweder eine Begeisterung oder man lässt es bleiben – wer langsam aufbaut, bleibt dabei.
Erwartungen: Nicht zu viel planen. Der Weg selbst gibt die Richtung – Spontaneität und Offenheit gehören dazu.
Der österreichische Jakobsweg umfasst von Wien nach Salzburg rund 400 Kilometer und von Salzburg nach Feldkirch weitere 355 bis 365 Kilometer. Die beiden Hauptabschnitte ergeben zusammen eine Strecke von etwa 760 Kilometern, aufgeteilt in rund 30 bis 36 Tagesetappen. Daniel Eicher legte auf seiner Route von Wien bis nach Hause insgesamt rund 770 Kilometer zurück.







