VOM ELGGER GESCHICHTENPFAD ZUM THEMA «ZUVERSICHT»
07.11.2026«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer ...
«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von zwei Autorinnen und drei Autoren. Mit der Kurzgeschichte von Ruedi Elsenbruch geht es weiter.
Zuversicht – oder … trügerische Zuversicht
VON RUEDI ELSENBRUCH
Das Thema ist ZUVERSICHT … Die Zuversicht ist allerdings nicht alleine – sie hat auch eine andere Seite – oder sollte man sagen eine Schattenseite? Es ist die trügerische Zuversicht. Das ist der Aspekt, der nicht so positiv ist – Johannes hat es erfahren.
Man ist zuversichtlich, und dann klappt das schon! So sagen ein-dimensional strukturierte Positiv-Denker – aber das Leben ist manchmal anders – und zwar ganz anders …
Johannes hat es erlebt – oder besser gesagt über-lebt! Johannes war im übrigens ein Meister der Anpassung: in Kanada wollte er Joe genannt werden.
Eine Reise durch Kanada – bevor es zur EU gehört
Die kleine, familiäre Reisegruppe war in Vancouver/Kanada mit einem Wohnmobil unterwegs. Das waren die Mutter und ich, die sogenannten «Alten», die 18-jährige Tochter mit ihrem Freund und ihrer Freundin, der Freund der Freundin und der 16-jährige Sohn.
Ein Blutdruckmessgerät war auch im Gepäck – niemand wusste warum –, aber es wurde oft benutzt. Der gemessene Blutdruck sollte ungeahnte Höhen erreichen – aber das konnte niemand ahnen – man war schliesslich zuversichtlich, dass alles ruhig verlaufen würde!
Diese sieben so unterschiedlichen Menschen vereinte eins: Von diesem wilden Land an der Ostküste wollten man so viel wie möglich sehen und erleben: die Seen, die Flüsse, und auf jeden Fall die Wasserfälle. Abenteuer und Unerwartetes waren willkommen … und sie kamen … wenn auch anders als gewollt und nicht vorhersehbar …
Zu den heiteren Begebenheiten der Reise zählte, dass man auf einem Campingplatz ein Toilettenhäuschen fast umgefahren hatte, weil die Fahrerin beim Rückwärtssetzen dachte, die Worte des Einweisers seien landesangepasst englisch. Das waren sie aber nicht, denn STOPP, STOPP ist eigentlich allgemein verständlich – wurde aber als GO, GO verstanden! Also Gas geben, und dann rumste es! So kam es zu einem Soft-Crash. Das Toilettenhäuschen befand sich danach in einer 45-Grad-Neigung. Mit mehrerer Hände Arbeit wurde es wieder in die 90-Grad-Stellung zurückgezogen – jedenfalls so ungefähr. Und ist es nicht egal, ob 90 Grad oder 80 Grad? Wer achtet schon darauf, während er sitzend verrichtet? Da gibt es andere Themen als die Geometrie …
Die Flussfahrt
Die kleine Reisegesellschaft plante den nächsten Tag – eine Flussfahrt sollte es werden.
Da gab es zwei Gruppen – die vorsichtige und die wagemutige. Die wagemutige entschied sich für eine Wildwasserfahrt. Die behutsame Gruppe wählte eine Schlauchbootfahrt hinter dem Wasserfall, also in vermutlich ruhigem Gewässer.
Da man hinter dem Wasserfall startete, sollte das ein Spass werden. So war es eine Entscheidung zwischen Abenteuer für drei junge Leute einerseits und vier Familienmenschen andererseits als gemütliche Schlauchboot-Paddler.
SO war es geplant und so kam es …NICHT!
Das Angebot kam von einem Bootsverleih – gestellt wurde das Schlauchboot, die Paddel und eine Frau und ein Mann als Besatzung.
Die erste Massnahme war, das Boot gemeinsam ans Wasser zu tragen. Wir, als die Älteren, stellten uns am hinteren Ende des Boots an – wir wollten schliesslich nicht vorne sitzen – da kann man im wilden Wasser nass werden – und das wollten wir nicht. Dann kam die Überraschung. Am Wasser angekommen kam das Kommando: «Dreht euch rum und nehmt Platz im Boot!» So wurden wir aus den Letzten ungewollt die Ersten – und das sollte Folgen haben. Erster zu sein, kann Folgen haben …
Wir starteten mit leichten Paddelschlägen und kamen zügig in die Strömung – es war überraschend doch eine recht schnellen Strömung. Es war schliesslich einer der grössten Wasserfälle Kanadas – vom Wasserfall kam viel Wasser – das haben Wasserfälle so an sich. Aber ein blinder Passagier sass mit im Boot – die Zuversicht – es wird schon nichts passieren.
«Nicht auf den Felsen steuern» – kam die Anweisung der beiden Bootsführer. «Don’t touch the rock!» Und in der Tat – mitten im heftig fliessenden Gewässer befand sich ein Fels – und auf den steuerten wir in voller Fahrt zu. Gegenpaddeln half nicht mehr – zu spät ... Die beiden Bootsführer sprangen bereits aus dem Boot – riefen noch «Help yourself!» und brachten sich selbst in Sicherheit. Unser Schlauchboot – also WIR, die wir so vorsichtig sein wollten, sassen ungewollt an vorderster Stelle – unser Schlauchboot also fuhr voll auf diesen Felsen auf, das Boot bäumte sich vorne hoch – der Boden wurde der Länge nach aufgeschlitzt, und wir, die wir eigentlich hinten sitzen wollten – waren nun die Ersten und flogen in hohem Bogen durch die Luft und dann ins Wasser. Zunächst auf das Wasser, dann unter das Wasser, und wurden vom reissenden Fluss fortgetragen. Schwimmwesten wären sicher hilfreich gewesen – gehörten aber nicht zur Ausstattung des Bootes. Es hatte nur den guten Rat gegeben: «Lasst nicht die Paddel los – sonst müsst ihr die bezahlen!»
Ich und andere fremde Mitfahrende konnten dann doch schnell ans Ufer kommen – ausser den beiden Kindern. Die hatten sich auf den Felsen gerettet, und da konnte niemand mehr zurück, um sie zu holen. Die Bootsbesatzung war nicht mehr zu sehen. Die Kinder wurden später von den alarmierten Rangern per Hubschrauber abgeholt. Davon erzählten sie später den Schulkameraden, welch tolle kombinierte Wildwasser-Hubschrauber-Fahrt sie gemacht hätten – direkt am zweitgrössten Wasserfall Kanadas. Bei jedem Erzählen wurde der Wasserfall dabei grösser.
Die Mutter wurde von den Wellen mitgerissen – ich sah sie in der reissenden Strömung verschwinden. Wie ging es ihr? Konnte sie das Ufer erreichen?
Nach einer quälenden Wartezeit von einer Stunde kam sie zu Fuss zurück und – mit einer Überraschung! – unter dem Arm trug sie vier Paddel. Sie hatte sie aufgesammelt – wir hätten sie schliesslich sonst bezahlen müssen. Sie hatte immer schon einen besonderen Sinn fürs Praktische – auch in dieser Situation.
Alle waren unverletzt geblieben – nur nass war man geworden. Am Wasserfall standen viele Touristen; vor allem aus Japan und China, die alles fotografierten. Sie hielten das Ganze wohl für eine arrangierte Touristenattraktion, die im Reisepreis enthalten war.
Am nächsten Tag berichtete die Regionalzeitung über den Unfall und wie die Bootsbesatzung kühlen Kopf behalten hätte. Ja, das stimmte, kühl waren die Köpfe – sie waren schliesslich nass geworden.
Die andere Gruppe war von ihrer langweiligen Flussfahrt etwas enttäuscht – alles verlief gemütlich und problemlos auf einem langweilig fliessenden Fluss. Ja – und sie waren sogar etwas neidisch.
Für die 100 Meter Flussfahrt hatten wir voll bezahlt – obwohl fünf Kilometer vorgesehen waren. Das Reklamieren hatten wir vergessen – es war schliesslich alles gut gegangen und unsere Paddel waren auch vollzählig.
Für die Aktion «Flussfahrt» war man zuversichtlich gestartet, dass alles gut ginge und man ein schönes Ferienerlebnis haben würde – aber die Umstände ergaben etwas anderes – zuversichtlich zu sein, ist sicherlich eine positive Ausrichtung – wenn dann unvorhergesehene Umstände auftreten, muss man damit umgehen und das Beste daraus machen.
Da bin ich sehr zuversichtlich! Und eine Erfahrung gibt es auch: Wenn man unter Wasser gerissen wird, sollte man möglichst tief Luft holen – sonst muss man sehr viel trinken. Aber daran denkt man in diesem Moment nicht!
Und hinterher? Alles, was damals als dramatisch empfunden wurde, wird, nachdem es gut ausgegangen ist, nur noch ein aufregendes Urlaubserlebnis!
So ändert die Zeit die Sichtweise.
RUEDI ELSENBRUCH


