VOM ELGGER GESCHICHTENPFAD ZUM THEMA «ZUVERSICHT»
27.10.2026 HISTORIE«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer ...
«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von zwei Autorinnen und drei Autoren. Zum Abschluss der Serie folgt die Geschichte von Felix Schröter.
Ein Junge aus Masuren
VON FELIX SCHRÖTER
Leo trat in die Küche, in der die Grossmutter Brot schnitt. Butter und Marmelade standen schon auf dem kleinen Holztisch. Es fehlte nur noch der dampfende Kakao, den Leo in kleinen Schlucken trinken würde. Und es fehlten die Mutter und die Schwester Gisela, die üblicherweise auch am Tisch sassen.
Leo setzte sich und wartete auf das heisse Getränk. Meist hatte es die Grossmutter nicht eilig mit der Verköstigung. Heute aber war sie bestrebt, Leo schnell zu bedienen. Ihm kam die grossmütterliche Geschäftigkeit fremd vor. Aber er wagte es nicht, die Oma nach dem Verbleib der Mutter und der Schwester zu fragen. Er wollte keine giftige Antwort einkassieren.
Jetzt aber ging er durchs Städtchen, das seit drei Jahren nicht mehr war wie zuvor. Vielerorts hingen rote Fahnen mit diesem schwarzen Kreuz von den Fenstern hinunter. Wenn er Pech hatte, musste er einem Trupp Soldaten aus dem Weg gehen, die durch Lyck marschierten, als gehörten die Strassen nur ihnen allein. In der Schule predigte Lehrer Eppendorf von der neuen Zeit und vom Führer, der mit den Deutschen Grosses vorhatte und der die Juden aus dem Deutschen Reich eliminieren würde.
Als er am späten Nachmittag nach Hause kam, sass Oma auf dem alten Sofa und las den Völkischen Beobachter. Leo schlich in seine kleine Kammer. Wieder fragte er nicht, wann Mutter und Schwester zurück sein würden. Wieder breitete sich eine dumpfe Furcht in ihm aus. Er mochte diese neue Zeit ganz und gar nicht, aber er hatte gelernt, sich so zu bewegen, dass auch Eppendarf annahm, dass aus ihm einer werden würde, der dem Führer folgen wird, wenn er es verlangte.
Dass Mutter und Schwester ins Rheinland gezogen waren, hatte ihm Grossmutter dann doch noch berichtet. Sie tat es in der ihr eigenen Art, lakonisch und ohne die geringste Gefühlsregung. «Du muss jetzt halt mit mir Vorlieb nehmen», meinte sie noch und kam nie mehr auf die Sache zurück.
«Einfach gehen, ohne Vorwarnung.» Vielleicht war Mutter auch dem Vater gefolgt, der die Seinen im Stich gelassen hatte, bei Nacht Nebel verschwand und nie mehr etwas von sich hören liess. Leo war da noch klein gewesen und verstand nicht, warum Mutter weinte und sich ins elterliche Schlafzimmer zurückzog, wo sie für niemanden zu sprechen war. Wie immer war Grossmutter eingesprungen.
«Jemand muss ja den Karren aus dem Dreck ziehen», meinte sie später. Da war alles längst Geschichte. Nur irgendwo im Innern von Leo war ein Stachel geblieben. Wenn er allein war, fragte er sich immer wieder: «Warum hat sie mich sitzen lassen und Gisela mitgenommen?» Leo fand darauf keine Antwort. Er war jetzt ein junger Mann, gut gewachsen, blondes volles Haar. «Aus dir wird ein vortrefflicher deutscher Soldat», prophezeite Grossmutter. Leo aber hatte vor nichts mehr Angst als vor dem Tag, an dem er eingezogen würde.
«Du wirst helfen, dem deutschen Volk den Raum zu erobern, der ihm zusteht.»
Die Grossmutter glaubte felsenfest an die Versprechungen der Propaganda. Die letzte Nachricht, die Leo an der Front erhielt, war eine Grusskarte auf der stand: «Lieber Leo, bleib stark bis zum Endsieg, ich liebe dich, deine Grossmutter.»
Da hatte Leo entbehrungsreiche Kriegsjahre hinter sich. Zweimal war er dem Tod von der Schippe gesprungen. Wäre Jens nicht gewesen, hätte er es nie bis nach Ostpreussen geschafft. Da standen sie nun, zerlumpt und entkräftet und sollten sich mit ein paar Schuss Munition der Roten Armee entgegenstellen. Der Oberleutnant, der das letzte Aufgebot befehligte, wurde nicht müde, vom Endsieg zu schwafeln. Schon der erste Feindkontakt lehrte sie eines Besseren. Die Überlegenheit der Roten Armee war erdrückend. Nach einem mörderischen Gefecht, bei dem die Hälfte des zerlumpten Haufens ums Leben kam, konnten sich Jens und Leo absetzen. Es war ein bitterkalter Winter. Mit letzter Kraft hatten sie es in einen Wald geschafft. Hier konnte sie niemand aufspüren. Bleiben konnten sie nicht. «Wir müssen weiter», forderte Jens. «Wohin denn?» entgegnete Leo. «Nach Westen, ehe uns die russischen Truppen zuvorkommen», mahnte Jens. – « Du hast ja recht.» – «Aufgeben gehört nicht zu unserem Programm.»
Der Wald bot Deckung. In der Ferne war das Mündungsfeuer der Geschütze zu hören. Es war Zeichen, dass sie keineswegs in Sicherheit waren. Sie mussten gehen, einfach gehen. Erst als sie nach Tagen in Elbling ankamen, eine Stadt im Aufruhr, erfuhren sie, dass das Deutsche Reich bedingungslos kapituliert hatte, dass die Rote Armee nur zehn Kilometer vor der Stadt stand.
Sie konnten hier nicht bleiben. Sie mussten weiter. Ostpreussen war schon fast verloren. Wer gehen konnte, ging. Viele Alte, Frauen und Kinder blieben zurück. Niemand fragte die beiden, warum sie nicht bei ihrer Einheit waren. Der Zug der Fliehenden kam nur langsam voran. Immer wieder begegneten sie Erschöpften, die nicht mehr weiter konnten, um Hilfe baten und wahrscheinlich bald sterben würden.
Diesen Zug der Verlorenen und das Grauen auf den Schlachtfeldern vergass Leo nie mehr. Zwar war der Neustart in Hamburg auch nicht einfach. Jens hatte sich nach Würzburg aufgemacht und er war allein in einer zerbombten Stadt. Aber er durfte wieder sagen, was er dachte. Das kleine Heft, in das er noch in Lyck seine Gedanken niedergeschrieben hatte, überlebte Krieg und Flucht. Und das Schreiben war eine Leidenschaft, die Leo nicht losliess. Und ob er seinen Traum je würde in die Tat umsetzen können, war höchst ungewiss. Vorerst ging es um ganz andere Dinge, ein Dach über dem Kopf und jeden Tag etwas zu essen. Leo half beim Aufräumen der Trümmer. Bei diesen Arbeiten half mit, wer einigermassen gesund und bei Kräften war. Weil viele Männer nicht aus dem Krieg zurückgekommen waren, waren es hauptsächlich Frauen, die anpackten. Meist wurde nicht viel gesprochen bei der Arbeit. Wenn wieder einmal eine Leiche geborgen werden musste, holte Leo einen Leichensack. Später trugen sie das Opfer schweigend zu einer Sammelstelle.
Nach einem Tag mit Leichenfund ging Leo schweigend zurück sein Zimmer. Als er den Flur des Hauses betrat, kam ihm wieder die zierliche junge Frau entgegen, der er schon ein paarmal begegnet war. Von sich selbst überrascht, hörte er sich fragen: «Wie wärs mit einem Spaziergang?» – «Warum nicht», gab die junge Frau zurück und lächelte Leo an, als hätte sie auf genau diese Frage gewartet.


