VOR 150 JAHREN: DER GROSSE BRAND VON ELGG
15.08.2026 HISTORIEEin Feuersturm zerstörte 1876 grosse Teile des Fleckens
wird bis in die Gegenwart von verheerenden Feuersbrünsten geplagt und erschüttert. Die grösste vom Jahre 1876 – vor 150 Jahren – legte den historischen Flecken gleich um die ...
Ein Feuersturm zerstörte 1876 grosse Teile des Fleckens
wird bis in die Gegenwart von verheerenden Feuersbrünsten geplagt und erschüttert. Die grösste vom Jahre 1876 – vor 150 Jahren – legte den historischen Flecken gleich um die Hälfte in Schutt und Asche. Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» berichtete darüber am 9. Juli und am 8. August.
Die Tragödie, welche weitherum Entsetzen, Betroffenheit, Mitleid aber auch Solidarität auslöste, ist aufschlussreich dokumentiert. Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» lässt deshalb Pfarrer Ulrich Beringers Erinnerungsblatt (von der Zivilgemeinde Elgg den Einwohnern gewidmet) von 1926 «Der grosse Brand von Elgg am 9.Juli 1876», 50 Jahre nach der Katastrophe (in Grammatik und Rechtschreibung, zum besseren Verständnis, teilweise leicht angepasst, Red.) vollumfänglich erscheinen.
Pfarrer U.Beringers Erinnerungsblatt «Der grosse Brand von Elgg am 9. Juli 1876»
Es war eine helle, laue Sommernacht. Eine arbeitsreiche Woche lag am Abend des 8. Juli 1876 hinter den Einwohnern unseres Fleckens. Nachdem in den Tagen des 10., 11. und 12. Juni das Tösstal, das Thurtal und die Ortschaften an der Murg von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht worden waren, die ihresgleichen glücklicherweise seither hierzulande nicht wieder gefunden hat – auch von Elgg waren damals 18 Mann mit Pickeln und Aexten nach Rykon aufgeboten worden ̵ , und auch die sonst so zahme Eulach in unserer Gemeinde einen Hochwasserschaden verursacht hatte, der von der kantonalen Schätzungskommission auf 19‘000 Franken geschätzt wurde, war endlich richtiges Heuwetter eingetroffen, und manche Bauern hatten am Samstagabend das letzte Heu glücklich unter Dach und Fach gebracht. Der Lärm des Werktags hatte sich gelegt; ein leichter Föhn spielte mit den Blättern der Linde auf dem Platz; die stillen Gassen widerhallten nur von Zeit zu Zeit vom Tritt des Wächters; Alt und Jung lag nach des Tages Arbeit in tiefem Schlummer, und morgen war Sonntag – Feiertag.
Mitternacht war vorüber. Nach der Kontrolluhr passierte der Wächter ein Viertel nach 12 Uhr die Kontrollstätten beim alten «Spital», einem Armenhaus in der südwestlichen Ecke und bei Ziegler Kuppers Haus in der nordwestlichen Ecke des Fleckens und betrat nach Markierung der Uhr vor dem «Unterthor» die Vordergasse, als Lärm an sein Ohr drang. Im äussern Ring der Untergasse, im hintern Teil der Gebäulichkeiten des Jakob Ott, unweit des «Spitals» war, jedenfalls kurz nachdem er diese Stelle passiert hatte, Feuer ausgebrochen.
Der ganze äussere Ring der Untergasse bildete eine geschlossene Häuserreihe; die Häuser bestanden aus Riegelfachwerk und waren zum grössten Teil mit Schindeln gedeckt, manche Schindeldächer zum Schutze gegen den Wind nach Art der Alphütten mit Steinen beschwert, das Holzwerk durch die Gluthitze der vorangehenden Woche ausgedörrt, die Scheunen mit duftendem Heu gefüllt, und so war bei der herrschenden Windrichtung eine Katastrophe unvermeidlich.
Die Katastrophe beginnt an der Untergasse
Im Nu standen auch die Nachbargebäude des äussern Rings bei ihrer vorwiegenden Holzkonstruktion in hellen Flammen. Das verheerende Element griff gefrässig weiter und immer weiter und fand besonders auch in den vor und hinter den Häusern aufgestapelten Holzvorräten reiche Nahrung. Bevor die Feuerwehr auf dem Platze war, hatte es auch schon das gegenüberliegende, wenige Tage zuvor neu aufgerichtete Haus von Kammacher J. Huber, das, im innern Ring der Untergasse gelegen, mit drei andern Wohnhäusern im innern Ring der Hintergasse im selben Jahre, in der Nacht des Berchtoldstages, eingeäschert worden war, ergriffen. Unglücklicherweise drehte nun auch der Wind gegen Nordosten ab und schwoll zum Sturme an. Ein heftiger Windstoss legte die glühende Lohe auf die Strasse, und sogleich züngelten die Flammen auch im innern Ring der Untergasse empor. Die Häuser daselbst waren von denen an der Strehlgasse, die das «Unterthor» mit dem Platz verband, nur durch ein schmales Gässchen getrennt, und eh man sichs versah, hatte sich das Feuer auch diesen zum Teil etwas besser gebauten Häusern mitgeteilt.
Mittlerweile war nicht nur die hiesige Feuerwehr mit vier Spritzen in Tätigkeit getreten; von allen Seiten eilten, durch das Wimmern der Glocken und die ungeheure Brandröte herbeigerufen, die Mannschaften der Nachbarorte mit ihren Spritzen herbei. Von Winterthur trafen auf einen telegraphischen Hilferuf die Landspritzenmannschaft und das Rettungscorps der Stadt, die in aller Stille sich versammelt hatten, mit zwei Spritzen bald nach 2 Uhr auf der Brandstätte ein, und Frauenfeld sandte ebenfalls eine Spritze und eine Abteilung Artillerierekruten. Als dann die Gefahr von Stunde zu Stunde wuchs, wurde in Winterthur die gesamte Löschmannschaft durch Kanonenschüsse von der Hochwacht allarmiert und per Bahn nach Elgg geführt. Zuletzt waren 23 Spritzen auf dem Platze. Und Hilfe tat bitter Not. Aber die Löscharbeiten wurden durch die furchtbare Hitze und den unerträglichen Qualm sehr erschwert, fast verunmöglicht.
Die Wendrohrführer mit Todesverachtung auf ihren gefährlichen Posten
Wasser war genügend vorhanden; durch alle vier Gassen floss, mit Steinplatten abgedeckt, der Dorfbach, der in nicht zu grossen Zwischenräumen vermittelst hölzernen Dielen, welche an den betreffenden Orten die Steinplatten ersetzten, blossgelegt und gestaut werden konnte, und auch die grossen Dorfbrunnen spendeten reichlich Wasser. Aber das Feuer verbreitete sich mit solch rasender Schnelligkeit, dass die Feuerwehren, um nicht das Leben ihrer Leute ernstlich zu gefährden, eine Position um die andere fluchtartig aufzugeben genötigt wurden, wobei auch ein Schlauchwagen den Flammen überlassen werden musste. Die Wendrohrführer, die mit Todesverachtung auf ihren gefährlichen Posten standen, mussten sich immer wieder gegenseitig Wasser geben, damit ihre Kleider nicht Feuer fingen. Hochauf wirbelten die brennenden Dachschindeln, und der Sturm trug sie weithin über das Aadorferfeld. Bei der herrschenden Hitze genügte ein Funke, um ein Haus in Brand zu setzen. Da halfen selbst gute Ziegeldächer und massive Feuermauern nichts mehr. Wo man keine Gefahr ahnte, schlugen plötzlich die Flammen zum Dach hinaus und sahen die Insassen sich gezwungen, ihre Heimstätte zu verlassen.
Aus der Untergasse springt das Feuer ostwärts
Nachdem die ganze Untergasse ein Raub der Flammen geworden war, griffen diese auch nach dem äussern Ring der Vordergasse hinüber und legten in kurzer Zeit auch diesen bis zum «Unterthor» in Schutt und Asche. Hier waren gegen das Gasthaus zum «Ochsen» hin am 23. Mai 1870 sieben Häuser niedergebrannt und von diesen bis anno 1876 nur drei, zwei davon allerdings in nächster Nachbarschaft des «Unterthors», wieder aufgebaut worden. Zur Bekämpfung des Feuers stand daher hier etwas mehr Raum zur Verfügung, und es gelang denn auch der Mannschaft der Landspritze von Winterthur, demselben am «Unterthor» einen Damm entgegenzusetzen.
Schwieriger gestaltete sich die Situation am inneren Ring der Vordergasse. An der Strehlgasse hatte das Feuer ebenfalls die Strasse überschritten. Plötzlich stand das hohe, in seinem untersten Stockwerk massiv gebaute Haus «im Hof» von alt Lehrer Büchi in Flammen, und diese teilten sich rasch den angrenzenden Häusern, teilweise massiven Steinbauten von Uhrmacher J. Hegnauer, Hauptmann J. Büchi und Sattler J. Stadelmann mit. Dieselben gingen völlig in Flammen auf; dagegen konnte auf den Schindeldächern der angebauten Häuser von Barb. Mantel Glasers und Joh. Sprunger, die mit Wasser überschwemmt wurden, dem Feuer schliesslich ebenfalls Halt geboten werden.
Der alte «Spital», in dessen Nähe der Feuerherd lag, war verhältnismässig spät in Brand geraten, da der Wind die Flammen eher davon wegtrieb. Als nun aber auch dieses der Civilgemeinde gehörende Gebäude Feuer fing, drohte von hier aus dem äusseren Ring der Hintergasse, der in zusammenhangender, nur an einer Stelle von einem schmalen Gässchen durchbrochener Häuserreihe, gebaut und zum grössten Teil mit Schindeln gedeckt war, und damit bei der herrschenden Windrichtung dem ganzen Flecken ernstliche Gefahr. Es gelang glücklicherweise, diese abzuwenden, da um 4 Uhr eine Änderung in der Windrichtung eintrat. Der innere Ring der Hintergasse war etwas weniger direkt gefährdet, da die hier früher ebenfalls durchgehende Häuserreihe durch den Brand vom 2./3. Januar unterbrochen worden war.
Ein vierstündiges Zerstörungswerk
Nach 4 Uhr, als die grösste Gefahr beseitigt war, verstummten die Glocken im Kirchturm, die fast ununterbrochen ihre Hilferufe über Land gesendet, und deren Klänge mit dem Prasseln der Flamme eine schauerliche Symphonie gebildet hatten. Ausser ihnen gab auch der gerötete Himmel weithin Kunde von der Katastrophe; glaubwürdige Zeugen versichern, dass man in den ersten Morgenstunden des 9. Juli in Winterthur an den Zifferblättern der Stadtkirche habe die Zeit ablesen und in Zünikon im Freien die Zeitung lesen können.
Morgens um 5 Uhr war man des Feuers Herr geworden und konnten die ermüdeten Löschkorps, die mit Aufbietung aller Kräfte gearbeitet hatten, endlich sich etwelche Ruhe gönnen. In wenig mehr als vier Stunden war das Zerstörungswerk geschehen; 42 Wohnhäuser, 47 Ökonomiegebäude und 9 Werkstätten waren nur mehr ein rauchender Trümmerhaufen, 7 Wohnhäuser und 7 Ökonomiegebäude durch Feuer und Wasser mehr oder minder beschädigt, 73 Haushaltungen mit 275 Personen obdachlos geworden. Um 7 Uhr konnten die ersten Mannschaften entlassen werden. Zur Verpflegung der übrigen wurden 698 dreipfündige Brote von Winterthur beschafft; 26 Saum Wein lieferte der Gemeindekeller. Als letzte am Sonntagabend die Mannschaft von Winterthur entlassen. Mit dem letzten Bahnzug rückten dann aber Pompiers von dorther ein, um gemeinsam mit den Spritzenkorps von Aadorf, Ettenhausen, Hofstetten und Schottikon die Nachtwache zu übernehmen. Auch diese konnten am Morgen des 10. Juli unter bester Verdankung entlassen werden. In der folgenden Nacht fachte allerdings ein frischer Luftzug das unter der Asche glühende Feuer nochmals an, und es mussten, wiewohl eine Wache zur Stelle war, weitere Mannschaften aufgeweckt werden; doch gelang es diesen bald, jede weitere Gefahr zu beseitigen.
Die Opfer des Brandes
Dem Brande fielen auch zwei Menschenleben zum Opfer: bei dem Versuch, etwas von ihrer Habe zu retten, blieben die 64-jährige Jungfrau Verena Stadelmann und die 49-jährige Frau Anna Büchi, Gattin von alt Lehrer Büchi, in den Flammen. Den verkohlten Leichnam der ersteren fand man bereits am Montag, von letzterer erst später nur wenige verkohlte Überreste.
An Viehhabe gingen eine Kuh, drei Schweine, eine Ziege und ein Kalb zu Grunde. Von der übrigen Fahrhabe wurde nicht sehr viel geborgen. Die Insassen der zuerst ergriffenen Häuser konnten nur das nackte Leben retten. Andere glaubten, wenigstens einen Teil ihrer Habe in Sicherheit gebracht zu haben, fanden aber, wenn sie zu dem Ort zurückkehrten, wo sie das Gerettete aufgestappelt hatten, nur noch einen Aschenhaufen vor, weil die durch die Luft geführten flammenden Schindeln es entzündet hatten. Eine Mutter bot aus dem Stubenfenster ihren nackten Säugling einer Nachbarin. Dieselbe umhüllte denselben mit einigem Plunder, den sie in der Eile zusammenraffte, und legte ihn in einer entfernten Wiese nieder, um sich weiter am Rettungswerk zu beteiligen. Als sie nach einer Weile zurückkam, um nach dem Kinde zu schauen, hatte der Feuerregen bereits die Umhüllung in Brand gesteckt; doch kam sie noch früh genug, um das Kind vor weiterem Schaden zu bewahren.
Mitbetroffene und Neugierige
Am Sonntag und Montag war Elgg das Wallfahrtsziel für Tausende. Jeder Eisenbahnzug brachte neue Scharen; es mussten Extrazüge eingeschaltet werden. Man kam mit Wagen und zu Fuss von nah und fern, um sich nach dem Schicksal seiner Freunde und Bekannten zu erkundigen oder auch bloss, um seine Neugierde zu befriedigen. Die Wirtschaften vermochten die Scharen der Neugierigen nicht zu fassen und ebenso wenig ihren Ansprüchen auf Verpflegung zu genügen.
Die Kreisschätzer und die Agenten der Versicherungsgesellschaften fanden sich zur Ermittlung des Schadens ein. Die Brandstätte bot ein schauerliches Bild der Zerstörung dar. Ein Drittel der Ortschaft, der ganze westliche Teil derselben, lag in Schutt und Trümmern. In der Umgebung, auf Wiesen und in Baumgärten waren Möbel, Bettstücke etc. zum Teil aus Häusern stammend, die noch unversehrt standen, aufgestapelt. Von der westlichen Partie des Fleckens waren einzig drei kleinere Häuser an der äussern Fleckenstrasse wie durch ein Wunder verschont geblieben und das Haus in der nordwestlichsten Ecke des Plateaus nur teilweise ausgebrannt; im Übrigen hatte das Feuer ganze Arbeit gemacht. Eine Unmasse von Schutt bedeckte den Boden. Was allgemein auffiel, das war das fast vollständige Fehlen verkohlten Holzwerks; in der furchtbaren Glut wurde alles zu weisser Asche verbrannt.
Ein Brandstifter?
Wie war der Brand entstanden? Von Anfang an wurde allgemein Brandstiftung vermutet. Bereits am 9. Juli wurde ein Insasse des «Spitals», der, hadernd mit seinem Schicksal und mit aller Welt zerfallen, Drohungen ausgestossen haben soll, verhaftet. Doch musste derselbe wie auch ein anderer, der verdächtigt wurde, bald der Haft entlassen werden. Nun nahm der Verdacht eine andere Richtung: Einer der Brandgeschädigten, Ulrich Mantel, Naglers war bereits vom Brand von a. 1870 betroffen worden; beide Male war das Feuer in seiner Nachbarschaft ausgebrochen; beide Male hatte er kurz vorher Nachversicherung beantragt; Streitigkeiten mit dem Nachbarn und auffallende Manipulationen mit Geld bildeten weiter Verdachtsmomente. Man munkelte erst dies und das; da verschwand am 23. Juli der vermögliche Mann, nachdem er sich tags zuvor noch hatte den Bart abnehmen lassen, unter Mitnahme einer bedeutenden Summe Geldes und – wurde nicht wieder gesehen. Alle Nachforschungen nach ihm blieben erfolglos. Erst zehn Jahre später, im Juli 1886, gelangte wieder eine Kunde von ihm nach der Heimat, eine Todesbotschaft aus Nordamerika: Im Winter 1885/86 wurde in Minnesota ein Ulrich Mantel von Elgg auf einem liegenden Baumstamm erfroren gefunden.
Räumungsarbeiten und Versicherungsschäden
Die Räumungsarbeiten auf dem Brandplatz wurden ungesäumt in Angriff genommen und gingen bei beständig schöner Witterung rasch von statten. Sämtliche Nachbargemeinden stellten in edlem Wetteifer Hilfskräfte zur Verfügung; am Montag d. 10. Juli fand sich nochmals eine Feuerwehrabteilung von Winterthur ein, um die noch stehenden hohen Mauern niederzulegen; gleichzeitig bot auch Frauenfeld seine Dienste an; die Bauern der umliegenden Höfe erschienen mit Gespann auf der Brandstätte. Der Schutt wurde zuerst nach dem Rietweier geführt, nachher zur Erstellung einer Strasse nach der Tüllbrücke (Strasse nach Kollbrunn) verwendet. Regierungsrat Hertenstein, der bereits am Morgen des 9. Juli die Verheerung in Augenschein genommen hatte, bot die Sappeure der Auszugsbataillone auf, um auf dem Turnplatz zur Unterbringung von Vieh, Emd und Halmfrüchten eine Baracke in den Dimensionen 105/42’ (Fuss) mit einem 12’ (Fuss) breiten Futtergang in der Mitte zu erstellen. Tags darauf rückten die Sappeure, 18 Mann stark, ein; der Forstverwalter erhielt Auftrag, aus den hiesigen Waldungen das nötige Bauholz zur Verfügung zu stellen, und innert neun Tagen war unter Aufsicht von Staatsbauinspektor Weber die Baute vollendet. dieselbe diente später lange Zeit den hiesigen Schulen als Turnschopf.
Die vollständig eingeäscherten Gebäude repräsentierten einen Assekuranzwert von 274’550 Franken. Hieran vergütete die kantonale Brandassekuranz 272’110 Franken, ausserdem an die beschädigten Gebäude im Assekuranzwert von 6000 Franken weitere 2675 Franken, im Ganzen somit 274‘785 Franken. Die Vergütung für den Brandschaden vom 2./3. Januar hatte bei einer Assekuranzsumme von 21‘000 Franken den Betrag von 20‘590 Franken erreicht. Da die Assekuranzsteuern dieses Jahres bloss 528‘534.10 Franken ausmachten, wurde die kantonale Brandassekurananstalt durch die beiden grossen Katastrophen vom 2./3.
Januar und 9. Juli schwer belastet und konnte das Gleichgewicht von Einnahmen und Ausgaben nur durch starke Inanspruchnahme des Reservefonds herstellen. In der Presse wurde daher die Frage aufgeworfen, ob es nicht angezeigt wäre, den Steuersatz je nach der Bauart der Gebäude zu differenzieren. 54 Brandgeschädigte hatten ihre Fahrhabe mit 27‘282 Franken versichert. Hieran vergüteten die sechs beteiligten privaten Versicherungsgesellschaften 157‘093 Franken. 16 Familien, fast ausnahmslos unbemittelte Leute, ausserdem noch manche alleinstehende Personen, Dienstboten, Handwerksleute, die am Neubau von Kammacher Huber arbeiteten, hatten es unterlassen, ihre Habe zu versichern, manche aus Sorglosigkeit, der Letztgenannte, weil, was er aus dem Brand vom 2.,/3 Januar gerettet hatte, vorübergehend in verschiedenen Nachbarhäusern untergebracht war. Aber auch von den Versicherten erlitten manche grossen Schaden, weil sie es versäumt hatten, ihre Versicherungen rechtzeitig dem Fahrhabebestand anzupassen. Der nicht durch Versicherung gedeckte Schaden wurde von den Betroffenen auf 101479 Franken geschätzt, diese Summe jedoch von den Behörden aber auf 86‘714 Franken reduziert. Der gesamte durch den Brand verursachte direkte Schaden belief sich somit in runder Summe auf 520‘000 Franken, einen in Anbetracht der Ausdehnung der Katastrophe nicht sehr hohen Betrag, der aber natürlich nur unter Berücksichtigung des damaligen Geldwertes richtig gewürdigt werden kann.
Grosse Hilfsbereitschaft
Doch da setzte nun in erhebender Weise die freundeidgenössische Hilfsbereitschaft ein. Als Erster sandte bereits am 9. Juli ein Bürger von Winterthur 500 Franken. Aadorf, Ettenhausen und Tänikon stellten Wohnungen, das Stadtpolizeiamt Winterthur Feldbetten zur Verfügung; der Stadtrat Winterthur spendete als Zeichen freundnachbarlicher Gesinnung 800 Franken. An verschiedenen Orten wurden Konzerte oder Theateraufführungen, in einem Kurort ein Scheibenschiesse zu Gunsten der Brandgeschädigten veranstaltet. Die Zöglinge einer Anstalt verzichteten auf einen Reisetag und sandten 60 Franken, eine Dragonerrekrutenschule auf ihr «Ordinari» und sandte 200 Franken. Die Hülfsgesellschaften von Zürich und Winterthur und verschiedene Redaktionen, mit besonderem Erfolg die «Allgemeine Schweizerzeitung» und die «Neue Zürcher Zeitung» legten Sammellisten auf; viele Gemeinden veranstalteten Kollekten. Der «O. Werdmüllersche Fideikommiss» bewies seinen früheren Untertanen alte Treue durch eine Spende von annähernd 4000 Franken; ein in der Gemeinde niedergelassener Fabrikant überbrachte persönlich 2000 Franken, und der wegen Krankheit beurlaubte Ortspfarrer benutzte seinen Erholungsurlaub, um seinen Pfarrkindern überall opferwillige Freunde zu werben. Der Ertrag der Geldsammlung wurde wohl dadurch beeinträchtigt, dass eine allgemeine Liebessteuer für die Wasserbeschädigten der Ostschweiz zur Zeit des Brandes in der ganzen Schweiz bereits im Gange war, und dass viele Gemeinden durch Hagelschlag selber schwer betroffen waren. Immerhin wurden an bar 31’724.77 Franken gespendet und durch das Hilfskomitee, das am 12. Juli unter dem Vorsitz von Gemeindepräsident J. Müller sich konstituiert hatte, in der Weise verteilt, dass die Brandbeschädigten je nach ihrer Vermögenslage 10 bis 100 Prozent ihres Schadens vergütet erhielten.
Ausserdem ging eine Unmasse von Kleidern, Schuhen, Bettzeug, Tuchund Ellenwaren ein, auch Hausrat und Werkzeuge; unter den Naturalgaben befanden sich unter anderem ein Saum Wein, ein Kistchen Cigarren, eine Puppe und ein Bruchband. Ein Kalkbrenner sandte eine Wagenladung (106 Zentner) Wetterkalk, ein anderer 160 Säcke Gips. Manche arme Familie war nach dem Brand besser als je mit Kleidern ausgestattet. Sodann wurden, da in den abgebrannten Gebäuden alle Getränke zu Grunde gegangen waren, aus dem Weinland 40 Saum Wein zum Preis von 40 Franken bezogen und zum Selbstkostenpreis abgegeben und über die Lieferung von Möbeln Konkurrenz eröffnet, um den Betroffenen die Neuanschaffung zu erleichtern.
Auch so noch blieben manche, namentlich diejenigen, die eigene Häuser besessen hatten, schwer geschädigt. Sie hatten in ihren alten Häusern bescheiden, aber doch zufrieden gewohnt und sich einer gesicherten Existenz erfreut. Nun sahen sie sich gezwungen, neu zu bauen, und wenn sie nun auch in ihren neuen Häusern angenehmer sassen, so wurde diese Annehmlichkeit natürlich durch eine vielleicht nicht unbedeutende Schuldenlast mehr als aufgewogen. 31 Häuserbesitzer erstellten sogleich Neubauten im Assekuranzwert von 441,500 Franken, während ihre alten Häuser nur mit 177’500 Franken gegen Brandschaden versichert und dementsprechend vergütet worden waren. Ein bedeutender Prozentsatz der Differenz von 264’000 Franken bedeutete für sie einen wirklichen Verlust. Zehn Brandbeschädigte, die eigene Häuser besessen hatten, kauften entweder in Elgg (sechs) oder auswärts (vier) andere Häuser und stellten sich wohl wenig besser als Ihre Leidensgefährten. Manche brachten nicht den Mut oder nicht die Mittel auf, sich wieder ein Eigenheim zu erwerben, und für diese bedeutete der Schreckenstag von Elgg erst recht ein Heruntersteigen auf der sozialen Stufenleiter.
Die Civilgemeinde liefert
Auch die Civilgemeinde Elgg erlitt durch die Katastrophe eine erhebliche Einbusse. Mit zwei Gebäuden (Spital und Wachthäuschen) figurierte sie selbst unter den Brandbeschädigen; die Verpflegung der Löschmannschaften erheischte einen Kostenaufwand von 2608 Franken, und der Wert des von der Gemeinde gelieferten Bauholzes für die Baracke wurde auf 5500 Franken berechnet; überdies wurde jeder brandbeschädigten Haushaltung unentgeltlich 1/4 Klafter Brennholz, im Ganzen 20 Klafter im Gesamtwert von 936 Franken verabfolgt. Da nicht alle Brandbeschädigten im Stande waren, neu zu bauen und zu befürchten stand, dass die Zahl der Einwohner durch Abwanderung stark zurückging, erstellte die Gemeinde je ein Doppelwohnhaus auf dem Areal des alten «Spitals» («Sonnenhof») und auf dem Platz (Lehrerwohnungen); sie lieferte hiezu die Bausteine aus dem Steinbruch im «Gugenhard» und legte für den Bruch derselben und für Fuhrlöhne 5465 Franken aus; den Bauunternehmern bezahlte sie 47’894 Franken. Zwei Brandbeschädigten, deren Hausplätze für Strassenanlagen benötigt wurden, und die sich infolgedessen entschlossen, im «Schmittenacker» zu bauen, erstellte sie einen Brunnen im Kostenbetrag von 800 Franken.
Dass die geschlossene Bauart und die vorwiegende Schindelbedachung dem Flecken zum Verhängnis geworden waren, verhehlte man von Anfang an in Elgg sich keineswegs. Schon nach dem Brand von1870 hatte man den Durchpass beim «Unterthor» verbreitert, und nicht zum mindesten diesem Umstand war es zu verdanken, dass hier 1876 dem Feuer Halt geboten werden konnte. Ferner hatte man auf dem Brandplatz von 1870 eine Verbindungsstrasse zwischen der äussern Fleckenstrasse und der Vordergasse erstellt und den Brandbeschädigten nahegelegt, bei der Erstellung von Neubauten die Ökonomiegebäude an die äussere Fleckenstrasse zu verlegen. Infolge eines Kaminbrandes im August 1870, der glücklicherweise keine weiteren Folgen hatte, war vom Gemeinderat, nachdem sich ergeben hatte, dass im Rayon des Fleckens noch 51 Rutenkaminschosse und 13 Bretterkaminschosse vorhanden waren, Neuerstellung derselben nach den gesetzlichen Vorschriften angeordnet worden. Am 12. März 1876 sodann hatte die Bürgerschaft der Civilgemeinde, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt durch das Brandunglück vom 2./3. Januar, beschlossen, in Anbetracht der feuergefährlichen Bauart der Häuser im äussern Ring der Hintergasse zwei derselben für 9000 Franken auf gänzlichen Abbruch anzukaufen; doch hatte der Abbruch sich verzögert. Nach dem grossen Brand wurde nun bereits am 16. Juli beschlossen, behufs Erstellung eines rationellen Strassennetzes und Aufstellung eines Bauprogramms einen Situationsplan aufnehmen zu lassen, sämtliche Brandplätze zu erwerben und das Doppelwohnhaus an der Vordergasse, das durch das Wasser sehr gelitten hatte, ebenfalls auf Abbruch anzukaufen. Für die Brandplätze bezahlte die Gemeinde 25 Rappen pro Quadratmeter, für das Doppelwohnhaus 5300 Franken; der Landerwerb für Strassenanlagen belastete das Budget mit 10’263 Franken. Die beiden Häuser an der Hintergasse und das Doppelwohnhaus an der Vordergasse wurden auf Mai 1877 geräumt und abgebrochen; hierauf wurde eine Verbindung zwischen dem Platz und der «Steigerstöckstrasse» über die «Tüllbrücke» hergestellt und anderseits die nach dem Brand von anno 1870 erstellte Verbindungsstrasse bis zum Platz weitergeführt. Auch wurde nun das bereits im Mai 1876 genehmigte Projekt einer Strassenverbindung zwischen dem «Gässli» und der Untergasse über das «Gallee» (hinter dem Pfarrgarten) verwirklicht; beim Bau dieser Strasse wurden 90 italienische Silbermünzen, die wahrscheinlich aus den Mailänderzügen stammten, aufgefunden. Den Brandbeschädigten wurden nach Bedarf Hausplätze zum Preis von 25 Rappen pro Quadratmeter abgegeben, im Interesse des Verkehrs und der Feuersicherheit zweckdienliche Bauvorschriften, nach denen in jedem Carré nur zwei bis drei Häuser erstellt werden sollten, erlassen und für solide und schöne Bauten Prämien verabfolgt; auf Verminderung der Schindeldächer wurde durch gelegentlichen Ankauf alter Häuser Bedacht genommen und aus sanitarischen Gründen die «Metzg» (Schlachthaus) vom Platz in die Gegend des früheren «Spitals» verlegt.
Lehren
Der grosse Brand rief noch verschiedenen Neuerungen. Bereits am 16.Juli 1876 wurde Anstellung eines 2.Wächters beschlossen. Da sich herausgestellt hatte, dass die grosse Saugspritze zuviel Bedienungsmannschaft erforderte, wurde dieselbe gegen eine kleinere vertauscht und zugleich eine neue Buttenspritze angeschafft. Auch die Reorganisation der Feuerwehr wurde bereits 1876 als dringend nötig empfunden. Diese erfolgte aber erst 1881 auf Initiative von Civilgemeindepräsident Rob. Mantel. In diesem Jahre bildete sich eine freiwillige Feuerwehr, die durch häufige Übungen das erschütterte Vertrauen der Einwohnerschaft befestigte und sich wiederholt darüber auswies, dass sie auf der Höhe ihrer Aufgabe stand. Die Reorganisation des Feuerlöschwesens wurde 1887 durch die Erstellung einer Wasserversorgung mit Hydrantenanlage gekrönt, die nach menschlichem Ermessen eine Wiederholung der Katastrophe vom 9. Juli 1876 ausschliessen sollte.
Auch in der Folgezeit wurden die Lehren des grossen Brandes nicht vergessen. Im Jahre 1896 wurde ein baufälliges Haus am «Oberthor» von der Gemeinde auf Abbruch angekauft und dadurch die Verbreiterung des Durchpasses an dieser Stelle ermöglicht, ebenso im Jahre 1901 ein Haus im äussern Ring der Obergasse und dadurch ein Durchbruch dieser langen Häuserreihe und zugleich eine Verbindung zwischen der Kirche und dem schon damals für die Anlage eines neuen Friedhofes in Aussicht genommenen Breitenareal geschaffen. Die Zahl der Schindeldächer verminderte sich durch einen Brandfall am 12. Januar 1902 im äussern Ring der Hintergasse, wobei vier Wohnhäuser, bei denen das Feuer 1876 Halt gemacht hatte, eingeäschert wurden. Weniger Schindeldächer versprach auch der Ankauf und Abbruch von zwei Wohnhäusern im innern Ring der Hintergasse in den Jahren 1903 und 1904. Um diese Zeit wurde auch beschlossen, für Ersatz der noch vorhandenen Schindeldächer durch harte Bedachung von der Gemeinde aus einen Beitrag von 4 Franken pro Quadratmeter zu leisten, und im Lauf eines Jahrzehnts verschwanden die Schindeldächer in der Gemeinde von der Oberfläche, was zwar nicht den malerischen Eindruck, wohl aber die Feuersicherheit erhöhte.
Die Erinnerung lässt nach
Seit dem 9. Juli 1876 ist (für Ulrich Beringers Zeit von 1926) ein halbes Jahrhundert vergangen. Elgg litt lange unter den Folgen der Katastrophe. Aber die Zeit heilt alle Wunden. Die Zahl derer, die den Schreckenstag von Elgg miterlebt haben, vermindert sich von Jahr zu Jahr. Ein neues Geschlecht, das nicht mehr weiss, wie es vor 50 Jahren am oberen Lauf der Eulach aussah, wächst heran; das moderne Erwerbsleben rüttelt die Menschen unserer Tage durcheinander, und so hat nicht nur der Flecken im Laufe der Jahre ein anderes Gesicht erhalten; auch in seinen Gassen wechseln die Gesichter rascher als vor alters; diesen aber wird, was sie täglich vor Augen haben, erst recht verständlich und lieb werden, wenn sie wissen, wie es gewesen ist.
MARKUS SCHÄR


