VOR 285 JAHREN: Kutschenfahrt von Zürich nach Kopenhagen über Elgg
09.05.2026 HISTORIENach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741–1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Lavater und seine Tochter nutzten für die lange Reise einen von Pferden gezogenen Reisewagen, der ohne Halt von Zürich über Schwamendingen, Wallisellen bis zum ersten ...
Nach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741–1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Lavater und seine Tochter nutzten für die lange Reise einen von Pferden gezogenen Reisewagen, der ohne Halt von Zürich über Schwamendingen, Wallisellen bis zum ersten Halt in Bassersdorf fuhr. Der Zürcher Reisewagen rollt weiter in Richtung Winterthur, zuvor über die Töss, dann dem Unterlauf der Eulach entgegen: «In Winterthur besuchten uns bey Hegnern (dem bekannten Landschreiber, Literaten und Mediziner U.Hegner) einige Bekannte, die uns mit einer rührenden Rührung, als ob wir aus der Welt giengen, verabscheideten.»
Beeindruckt von Ulrich Hegners Porträts grosser Männer
«In Hegners Zimmer besah ich die dort hängenden Porträte grosser Männer, Gustav Adolph, Maximilian, Albrecht Dürer, Thomas Kempis, Erasmus, Goethe, Kleinjogg... Mich dünkt, es ist eine der schönsten und nützlichsten Verzierungen eines Kabinets, eines Mannes, der sich fühlen darf einige der grössten Männer, von dem verschiedensten Charakter um sich her zu haben. Wer kann sie ansehen, ohne sich erweckt und erhoben zu fühlen?»
Zu den verehrtesten Männern gehörte auch Jakob Gujer (1716-1785), genannt «Kleinjogg». Zuerst hatte dieser den elterlichen Hof bei Uster aufgebaut, später eine Pacht bei Rümlang angetreten und 1769 den Katzenreutihof erworben. Mit genauer Beobachtung und Erfindergeist steigerte er die Produktivität dieser Betriebe. Europaweit berühmt wurde Kleinjogg durch die Schrift «Die Landwirtschaft eines philosophischen Bauers» (1761) des Zürcher Stadtarztes Hans Caspar Hirzel. Kleinjogg galt als innovativer Bauer auf der Zürcher Landschaft, der die Ideen der Volksaufklärer in die Praxis umsetzte.
Hegners Bewunderung berühmter Männer erinnert stark an Niccolò Machiavelli, einen der führenden Politiker in Florenz zur Renaissancezeit. Auf seinem ärmlichen Landgut bei San Casciano verbrachte der Weggewiesene seine Tage mit Jagen, Lesen und Kartenspielen im Wirtshaus. Höhepunkt seines Tages aber war der Abend, über den er in dem berühmten Brief vom 10. Dezember 1513 an seinen Freund Francesco Vettori schreibt: «Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe in mein Arbeitszimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll Schmutz und Kot, ich lege prächtige Hofgewänder an und, angemessen gekleidet, begebe ich mich in die Säulenhallen der grossen Alten. Freundlich von ihnen aufgenommen, nähre ich mich da mit der Speise, die allein die meinige ist, für die ich geboren ward. Da hält mich die Scham nicht zurück, mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen, und ihre Menschlichkeit macht, dass sie mir antworten. Vier Stunden lang fühle ich keinen Kummer, vergesse alle Leiden, fürchte nicht die Armut, es schreckt mich nicht der Tod; ganz versetze ich mich in sie.» Machiavelli lernte autodidaktisch die Werke antiker Klassiker kennen, unter anderem diejenigen von Aristoteles, Boethius und Cicero.
Beim Tee in Winterthur fröhlich nach Basel dahertrottende Soldaten gesehen
Nach dem Sturz der französischen Monarchie eskalierte der europäische Krieg. Französische Truppen standen direkt an der Schweizer Grenze am Rhein. Um Übergriffe des revolutionären Frankreichs zu verhindern, wurden im Frühjahr und Herbst 1793 zur Sicherung der Nordgrenze eidgenössische Truppen mobilisiert, die bei der Schanze von St. Jakob (heute «Joggeli» genannt) Basel-Stadt sowie die Region vor direkten Kriegshandlungen schützten.
Durch diplomatisches Geschick und die Präsenz von rund 1300 eidgenössischen Soldaten wurde ein direkter Einfall Frankreichs in die Stadt Basel verhindert. Trotz dieser Grenzbesetzung nahm der Druck durch Frankreich zu, was schliesslich 1798 zum Franzoseneinfall führte. Lavater erinnert sich: «Beym Thee besahen wir die erst nach Zürich, dann nach Basel zur Grenzbewachung durch Winterthur ziehenden Soldaten, die in dumpfer, alles vergessender Fröhlichkeit dahertrotteten.»
Literatur- und Verhaltenskritik im Hause Ulrich Hegners
Lavater notiert: «Herr Pfarrer Sulzer war bey uns. Man sprach von der Reiseroute – von dem leichten und schweren Abschied von den unsrigen, besonders von Mamma und wie Sie in solchen Fällen sich immer fest und heiter ruhig zu halten wisse, von den Leiden und Freuden, die sich ins Gedränge der Abschiednehmenden mischen.
Johann Konrad Sulzer (1745–1819) hatte in Berlin studiert, war als Hauslehrer tätig und wirkte als Pfarrer in Seuzach und Winterthur. Mit Lavater befreundet, begründete er eine lokale Lesegesellschaft.
Man sprach auch von «Herrn Antistes Ulrichs Rechtschaffenheit, Unpartheylichkeit und Unsträflichkeit.» Johann Rudolf Ulrich (1728–1795) interessierte sich für das Schulwesen, achtete besonders auf die Belebung der Landschulen und war an der grossen Schulreform von 1774 massgeblich beteiligt. Er veröffentlichte seine «Predigten zur Beförderung des thätigen Christenthums. Von einem Schweizerischen Gottesgelehrten». Auch Chorherr Toblers weitschichtige Gelehrsamkeit, theologische Kenntnisse und einige seiner sonderbaren Auslegungsarten lieferten Gesprächsstoff.
Im Hause Hegners unterhielt man sich über Originalität und Genialität, über sonderbare Auslegungskünste oder Hypothesen, über Unerträglichkeit, Unbelehrbarkeit und Unverbesserlichkeit schiefer Menschen, über die Lächerlichkeit des Jagens nach Originalität und Naivität als der Quelle von Schiefsinnigkeit. Lavater erzählte Beyspiele von kaum glaublichen Schiefheiten, die bloss aus Originalitätsjägerey und Naivettätspedantery entstanden. Von der äussersten Seltenheit einfacher, reichhaltiger und entschiedener Charaktere.
Von den seltsamen Ursachen und Zwecken meiner Reise nach Kopenhagen, mit denen man sich im Publikum trüge, und wo keine mir je in den Sinn kam. Von der Seltenheit einfacher Ansicht einfacher Dinge. Jeder hat vor dem Richterstuhle der Vernunft, nur für die anerkennbare Konsequenz und Uebereinstimmung seiner Behauptungen zu stehen. Von einer Patientin, die mit der grössten Standhaftigkeit die grössten Schmerzen erduldete und durch dies Leiden und Dulden ihren Charakter ungemein veredelte.
Dann kamen wir noch auf die reichhaltige und erhabne Vielsinnigkeit der Worte Jesu zu sprechen. Es gehört meines Bedünkens zum nicht sehr ehrenvollen Charakter unsers Geist- und Herzlosen Zeitalters, Alles zu verengern, zu verkleinern, auszuklären, zu verallgemeinen und durch Verallgemeinung zu vernichtigen, was grosse göttliche Menschen gesagt haben. Man denke nur in wie mannichfaltigem Sinn und bey wie verschiedenen Anlässen Jesus die Worte gebraucht hat: «Wer sich selbst erhöhet der wird erniedrigt, wer sich erniedrigt der wird erhöht werden.» «Die Letzten werden die Ersten, die Ersten die Letzten seyn.» «Gebet so wird Euch gegeben werden.» «Mit welchem Mass Ihr messet mit demselben wird Euch hinwiederum gemessen werden.»
MARKUS SCHÄR


